Feuerstein mit Bearbeitungsspuren

Hallo,

Dieses Stück habe ich in der Nähe von Oldenburg gefunden und bitte um Eure Einschätzung.

Das Stück zeigt auf der Ventralfläche Spuren einer Frostsprengung.

Auf der Dorsalfläche sind auf der linken Seite möglicherweise Abschlagsnegative/Retuschen erkennbar, während die rechte Seite deutliche Frostsprengmerkmale zeigt.

Ich bin auch nicht sicher ob es sich bei der nun folgenden Dorsalansicht unten wirklich um einen Schlagflächenrest handelt:

Hier die Ansicht vom (möglicherweise) Schlagflächenrest am proximalen Ende – also unten.

Und nun -vom Proximalrnde gesehen- einmal die linke Seite der Dorsalansicht:

lateral:

Ventral:

Ich lerne gerade und das hier ist für mich ein sehr interessantes Übungsstück - ob Artefakt oder nicht - ich danke schonmal für jede Rückmeldung.

LG Maren

Servus,

ein spannendes Stück! Ich bin schon gespannt auf die Rückmeldung der Profis.

Ich tippe auf Naturprodukt.

Gruß Shard

Servus Shard,

ich tippe auf: sowohl als auch. :blush:

Begründung: Hier bei uns auf den Feldern findet man fast nie ganze Knollen – und wenn doch, sind sie eher klein.

Dafür liegen die Felder voller Bruchstücke mit scharfen Kanten und Spitzen. Stücke über 10 cm sind eher selten.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es energiesparender war, diese natürlichen Bruchstücke nachträglich zu retuschieren oder anderweitig zu bearbeiten, anstatt regelmäßig eine Lagerstätte aufzusuchen. :delivery_truck: :articulated_lorry:

Außer Helgoland kämen als nächstgelegene Quellen wohl nur die Kreide bei Lägerdorf in Schleswig-Holstein oder die Feuersteinflöze im Maastricht-/Rijckholt-Raum infrage.

LG Maren

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Mir fällt gerade ein: In den Kies- und Sandgruben habe ich durchaus auch schonmal größere Feuersteine und auch ein paar ganze Knollen gesehen.

Ich weiß es also leider nicht.

LG Maren

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Hallo,

ich tue mich immer schwer, Stücke mit natürlichen Flächen als Artefakt anzusprechen. Sicherlich gibt es diese. Bieten sich doch besonders Frostsprünge als Grundform oftmals geradezu an.

In diesem Fall wirken mir die eventuellen Abschlagsbahnen zu “unruhig”. Auch die partiellen Absplitterungen als gezielte Retuschen anzusprechen , halte ich für gewagt. Wenn, dann sollte das ja ein Schaber sein, dann wären diese Retuschen aber weiter in die Fläche gezogen und nähmen die gesamte Laterale ein.

Ich zeige hier: Frostsprung als Grundform für einen Stichel? mal einen Fund, der zeigt, wie unsicher auch ich manchmal bin.

Viele Grüße

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Danke SvenHorn,

ich lege das Stück zur Seite, für den Fall, dort mal etwas eindeutigeres finden zu können.

LG Maren

Moin,

inzwischen habe ich den Fund von Maren in Händen.

Da Maren zwar darauf hingewiesen hat, dass es sich um einen beidseitigen Frostsprung handelt, aber auf ihren (sehr guten) Bildern das dennoch nicht so klar zu sehen ist, habe ich ein paar neue Fotos gemacht.

>> Projekt 1 Ansichten Frostsprung <<


Zur Entstehung eines solchen “Doppel-Frostsprunges” habe ich mir ein paar Gedanken / Skizzen gemacht.

Hypothese

Erklärungsversuch, wie so etwas entstehen kann - ursprüngliches Geröll (weiße Kontur).

Ein ~ diskoides Geröll (weiße Kontur) wird partiell durch den 1. Frostsprung (grün) reduziert, dieses ist absent.

Das verbliebene Restgeröll (orange) wird durch einen 2. Frostsprung auf der anderen Seite “modifiziert“ es verbleibt das Fundstück (blau).

Vom ursprünglichen Geröll (weiß) verbleibt nur ein kleiner Rest, der ebenfalls nicht vorhanden ist.

Der blaue Fund präsentiert sich mit einer scharfen Kante (pink). Der vermeintliche Abschlagpunkt, diese Kerbe (>), ist jedoch der natürliche 1. Frostsprung - von daher fehlt dort ein Bulbus.

>> Projekt 2 Reko <<


Kommen wir zu den “Bearbeitungsspuren”.

Hierzu hat Maren ebenfalls gute Fotos gemacht und meine neuen Fotos bringen auch keine anderen Ergebnisse als die Einschätzungen von Shard und SvenHorn.

Der “Doppel-Frostsprung” stört mich nicht, werden Frostsprünge in der Fachliteratur (J. Hahn) als Grundformen aufgeführt.

Im Vergleich zu Retuschen an eindeutigen Werkzeugtypen (Sicheln, Kratzerkappen, Endretuschen) machen diese Absplitterungen an der Stelle keinen Sinn.

Da die der Pseudoretusche gegenüberliegende Kante durch die beiden Frostsprünge scharfkantig geworden ist, wären sie als Schneide zu gebrauchen. Diese scharfe Kante weist einige Aussplitterungen auf. Unter meinem Binokular (30 bis 70-fache Vergrößerung) sind keine Gebrauchsspuren (Riefen) zu sehen – dies trifft auf alle Kanten zu. Das ist für mich das stärkste Indiz für meine Beurteilung, dass es sich um ein Geofakt / Pseudoartefakt handelt.

Der Stein ist (in meiner Hand) völlig ungeeignet, ihn für eine Arbeit festzuhalten. Die Pseudoretusche kommt bei dieser Handhabung nicht zum Tragen.

Würde man die Pseudoretusche als Arbeitskante (Kratzer) definieren, tritt derselbe Effekt auf – egal an welcher Seite ich das Ding anfasse, ich kann es nicht festhalten, es ist schlicht zu glatt und gleitet mir aus der Hand.

>> Projekt 3 Pseudoretuschen <<

Beim Ausschnitt 4 (ganz rechts) ist die rechte Kante etwas nach vorn gedreht.

Fazit: Aus meiner Sicht kein Artefakt.

Gruß

Jürgen

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Danke, lieber StoneMan. Ich werde es noch das ein oder andere Mal lesen müssen, um es wirklich zu verstehen….Aber ich danke Dir schon einmal von Herzen :heart:

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Danke Jürgen, für die ausführliche Erklärung. Gerade bei nicht so eindeutigen Stücken hilft es wenn man eine genaue Begründung bekommt, warum das Stück kein Artefakt ist.

Mittlerweile kann ich vielen Stücken ansehen ob sie ein Artefakt sind oder nicht, aber die Feinheiten zu lernen ist schwer. Da helfen solche Beiträge sehr.

Gruß Shard

Edit: typo

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Moin Shard,

bedenke, es ist eine Hypothese - und (!) ich mache das auch für mich, für mein kleines Verständnis, das darf man nicht als gegeben hinnehmen.

Das ist mein Ernst.

Was so manche Archäologinnen und Archäologen an einem Fundstück / Stein sehen, verschlug mir mitunter den Atem. Da kommt Erstaunen und höchste Anerkennung auf.

Gruß

Jürgen

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Hallo Jürgen,

natürlich ist das nur eine Hypothese, aber letztlich arbeiten wir hier ja nur mit Indizien. Zeitzeugen sind schwierig aufzutreiben.:sweat_smile:

Aber wichtig ist worauf zu achten ist. Das ist ja bei Keramik nicht anders. Randform allein reicht nicht, die ist nur ein Indiz. Magerung, Härte, Glimmer, Fundort, Verzierungen…wir brauchen noch viele weitere Faktoren um eine belastbare Aussage machen zu können. Und je weniger wir haben, desto weniger belastbar sind die Aussage.

Aber diese Faktoren muss man halt erst Mal kennen und da hilft so ein Beitrag wie der von dir ungemein.

Gruß Shard

Edit: typo

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