Moin,
inzwischen habe ich den Fund von Maren in Händen.
Da Maren zwar darauf hingewiesen hat, dass es sich um einen beidseitigen Frostsprung handelt, aber auf ihren (sehr guten) Bildern das dennoch nicht so klar zu sehen ist, habe ich ein paar neue Fotos gemacht.
>> Projekt 1 Ansichten Frostsprung <<
Zur Entstehung eines solchen “Doppel-Frostsprunges” habe ich mir ein paar Gedanken / Skizzen gemacht.
Hypothese
Erklärungsversuch, wie so etwas entstehen kann - ursprüngliches Geröll (weiße Kontur).
Ein ~ diskoides Geröll (weiße Kontur) wird partiell durch den 1. Frostsprung (grün) reduziert, dieses ist absent.
Das verbliebene Restgeröll (orange) wird durch einen 2. Frostsprung auf der anderen Seite “modifiziert“ es verbleibt das Fundstück (blau).
Vom ursprünglichen Geröll (weiß) verbleibt nur ein kleiner Rest, der ebenfalls nicht vorhanden ist.
Der blaue Fund präsentiert sich mit einer scharfen Kante (pink). Der vermeintliche Abschlagpunkt, diese Kerbe (>), ist jedoch der natürliche 1. Frostsprung - von daher fehlt dort ein Bulbus.
>> Projekt 2 Reko <<
Kommen wir zu den “Bearbeitungsspuren”.
Hierzu hat Maren ebenfalls gute Fotos gemacht und meine neuen Fotos bringen auch keine anderen Ergebnisse als die Einschätzungen von Shard und SvenHorn.
Der “Doppel-Frostsprung” stört mich nicht, werden Frostsprünge in der Fachliteratur (J. Hahn) als Grundformen aufgeführt.
Im Vergleich zu Retuschen an eindeutigen Werkzeugtypen (Sicheln, Kratzerkappen, Endretuschen) machen diese Absplitterungen an der Stelle keinen Sinn.
Da die der Pseudoretusche gegenüberliegende Kante durch die beiden Frostsprünge scharfkantig geworden ist, wären sie als Schneide zu gebrauchen. Diese scharfe Kante weist einige Aussplitterungen auf. Unter meinem Binokular (30 bis 70-fache Vergrößerung) sind keine Gebrauchsspuren (Riefen) zu sehen – dies trifft auf alle Kanten zu. Das ist für mich das stärkste Indiz für meine Beurteilung, dass es sich um ein Geofakt / Pseudoartefakt handelt.
Der Stein ist (in meiner Hand) völlig ungeeignet, ihn für eine Arbeit festzuhalten. Die Pseudoretusche kommt bei dieser Handhabung nicht zum Tragen.
Würde man die Pseudoretusche als Arbeitskante (Kratzer) definieren, tritt derselbe Effekt auf – egal an welcher Seite ich das Ding anfasse, ich kann es nicht festhalten, es ist schlicht zu glatt und gleitet mir aus der Hand.
>> Projekt 3 Pseudoretuschen <<
Beim Ausschnitt 4 (ganz rechts) ist die rechte Kante etwas nach vorn gedreht.
Fazit: Aus meiner Sicht kein Artefakt.
Gruß
Jürgen