Archaeologie & Ethik

Hallo liebe Forumsteilnehmer,
ich habe eine Frage, die mich schon länger beschäftigt.
Hier eine Zusammenfassung von Schnipseln, die mir in diesem Zusammenhang durch den Kopf gehen:

  • Bei uns in der Stadt wird eine Kirche renoviert und auch archaeologisch betreut (Der Fussboden wurde großräumig aufgenommen).
    Jetzt war ein Artikel in der Zeitung, in dem der Archäologe stolz berichtet, man habe “Tüten voller Knochen” gefunden.
    Schon die Bezeichnung “Knochen” gefunden deutet auf eine despektierliche Haltung. Es müsste ja eigentlich z.B. Menschliche Überreste oder vielleicht Leichenteile heissen.
    Würde man in der Zeitung melden, dass bei der Neubelegung freigegebener Gräber auf unserem hiesigen Friedhof “Tüten voller Knochen” gefunden wurden, hätte es sicherlich eine Reaktion gegeben.
  • Auch hier im Forum sind immer wieder Leute unterwegs, die z.B. Brandgräber ausräumen.
    Ich stelle mir immer vor, dass dort Menschen begraben wurden und die Sorgfalt und der Aufwand darauf hindeuten, dass es sich um geschätzte bzw. geliebte Menschen handelte.
  • Gesunkene Kriegsschiffe aus dem 2. Weltkrieg werden zu Gräbern erklärt, um “Plünderei” zu unterbinden.
  • Gefallene des 2. Weltkrieges werden gesucht und ordentlich bestattet.
  • Gefallene z.B. der Schlacht von Visby werden ausgestellt
  • Die Mumien der Pharaonen oder Moorleichen werden mit Gruseleffekt ausgestellt
    (Ich muss gestehe, dass die mich auch faszinieren!)

Deshalb 3 Fragen:

  1. Gibt es gesetzliche Vorschriften, wann (also vielleicht nach welcher Zeit) man z.B. Knochen (auf einem Friedhof) ausbuddeln darf? (Das Innere eine Kirche ist praktisch immer ein Friedhof!)
  2. Wie stehen die Archaeologen zu diesem Thema?
  3. Was passiert mit den Überresten, die bei Ausgrabungen gefunden werden?
    Ist zwar noch etwas unsortiert, aber ich bin gespannt auf eure Antworten.

Gruß,
Hugin

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Hallo Hugin,

dieses, zugegebermassen schwierige Thema, wird tatsächlich wohl erst seit relativ kurzer Zeit diskutiert.
In diesen beiden Papieren wirst Du aber bestimmt einige Antworten finden:

Zu meiner persönlichen Meinung:
Bevor meine Frau starb, sind wir beide übereingekommen, dass uns beiden ein Grab nicht wichtig ist. Aus Rücksichtnahme auf ihre noch lebende Mutter wurde ihre Urne dann im Grab ihres Vaters, in ihrer für mich schwierig zu erreichenden Heimatstadt, beigesetzt.
Was mit meinen Überresten einmal passieren wird ist mir ehrlich gesagt völlig egal; die Entscheidung darüber muss ich leider meinen Hinterbliebenen, so es welche geben wird, überlassen.
Sollten diese dann irgendwann von archäologischem Interesse sein (Die Überreste, nicht die Hinterbliebenen) :smiley:, was ich bezweifele, so stelle ich sie hiermit der Wissenschaft zur Verfügung.

Aber natürlich gibt es Glaubensgemeinschaften (Islam, Judentum etc.) in denen die Totenruhe ewig gilt.
Da sind dann Respekt und Fingerspitzengefühl gefragt.
Die ewige Totenruhe galt sicherlich auch im alten Ägypten, aber da diesem Glauben wohl niemand mehr anhängt, gilt wohl: Wo kein Kläger, da kein Richter.
Aber wie gesagt: Schwieriges Thema…

Gruss
Schilli-San

Hi Hugin,

daß ein Rabe solche Fragen stellt… :face_with_hand_over_mouth: :wink:

Aber mal ehrlich… bei Ausgrabungen werden die Skelettteile meistens zuförderst in Tüten, bei den Langknochen eher Kartons, gesammelt und nach Individuen separiert weiterbehandelt. Sprich im Normalfall die Reinigung und (so möglich) Bestimmung des Alters, Geschlechtes und möglicher Erkrankungen oder Verletzungen.
Sammelfunde, also Knochen, die keiner Bestattung zugeordnet werden können, werden auch in Tüten oder Kartons zusammengefaßt.
Dabei wird den Transport kein spezifisches Transportmittel verwendet.
Diese Behgandlung und die Bezeichnung “Knochen” ist m.E. nicht ehrenrührig. Ich habe ein aus Knochen bestehendes Skelett im Leibe und Knochen bleiben sie auch nach meinem Ableben.
Aber vielleicht sehe ich das auch etwas pragmatischer.
Wichtig aus meiner Sicht ist eben nur, daß mit den Knochen, Leichenteilen, Resten Verstorbener sorgsam umgegangen wird…

Gruß
Thomas

Hi Schilli-San,

Na ja, passt.
Trotzdem werden Überreste, die identifiziert werden können (und die eine Identität stiften?) besonders behandelt. Man denke an die Überführung der Mumien (pardon, Pharaonen) in das neue Kairoer Museum oder an die Überreste Königin Edgithas:
“Am 22. Oktober 2010 wurden ihre Gebeine in einen versilberten Titansarg gebettet und während einer Festveranstaltung im Steinsarkophag von 1510 neuerlich beigesetzt.(Edgitha – Wikipedia)”
Passt aber in Schill-Sans (und auch mein) Weltbild, da die Überreste Edgithas und der Pharaonen ja nicht ihrer selbst willen so behandelt werden, sondern weil die heute Lebenden ein besonderes Interesse an den Überresten bzw. den historischen Personen haben.
Ist dann vielleicht eine bigotte Einstellung zu Überresten?
Mir persönlich reicht ein respektvoller Umgang mit menschlichen Überresten. Schicksale machen die Archäologie ja lebendig (z.B. Ötzi). Darum geht es ja in der Archaeologie, das Leben in vergangenen Zeiten zu erforschen.

Gruß,
Hugin

PS: Das Paper beschreibt das hervorragend und schlägt diese Matrix als Hilf vor. → Sehr gut!

Eine aktuelle Ergänzung zu diesem Thema: Auch im Bereich der aDNA-Forschung (Genetik), die ja in der Archäologie zunehmend an Bedeutung gewinnt, macht man sich Gedanken über ethische Fragen. In dieser Woche wurden nun Richtlinien für den ethischen Umgang mit menschlichen Überresten in der Zeitschrift Nature veröffentlicht.

Die Richtlinien sind Ergebnis eines Workshops von Archäologinnen, Anthropologen, Kuratorinnen und Genetikern aus verschiedenen globalen Gemeinschaften und Ländern im November 2020. Sie wurden in Nature (auf englisch) veröffentlicht (Ethics of DNA research on human remains: five globally applicable guidelines | Nature) und in über 20 Sprachen übersetzt. Die deutsche Übersetzung gibt es hier:
https://figshare.com/ndownloader/files/31123180

Lesenswert dazu auch das Interview mit Philipp Stockhammer von der Uni München dazu:

Viele Grüße
Andreas

Hallo,

ich wollte noch meinen Senf zu den Knochen dazugeben.
Niemand darf Knochen ausgraben, es gibt aber Situationen, in denen Skelette oder Skelettreste im Vorweg einer jüngeren Umnutzung ausgegraben werden müssen. Nicht immer ist es vorher klar, dass ein Gräberfeld bei einem Bauvorhaben angeschnitten werden wird. Die Freilegung und Dokumentation ist zeitaufwendig, der normale Investor umgeht so etwas lieber. Der normale Archäologe … nun es gibt Kollegen, die mögen Gräber, und es gibt welche, die finden das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag ist ungünstig
Falls es sich bei den Skeletten um einen historischen Friedhof handelt, werden die geborgenen Knochen i.d.R. wieder dort, oder auf einem anderen Friedhof, bestattet. Bei prähistorischen Gräbern werden die Knochen magaziniert.

Aber schon auf einem christlichen Friedhof können Bestattungen aus Platzgründen in mehreren Etagen angelegt worden sein, so dass in den Grabgruben immer wieder Langknochen aus älteren Bestattungen abgelegt wurden. Die kleineren Knochen finden sich dann häufig zusammen mit Sargbeschlägen und -griffen in den Grabgrubenfüllung bzw. im humosen Oberboden. Da kann auch die Archäologie von heute nur noch ein Mindestmaß an Pietät beisteuern.
Nur am Rande: ich kenne einen christlichen Friedhof, auf dem man auf der Oberfläche handteller große spätbronzezeitliche Keramikscherben aufsammeln kann. Es wurde mal erwägt, ob dort die Grabgruben von Archäologen ausgehoben werden sollen, Eingriff in ein Bodendenkmal und so.
Und dann gibt es noch die besonderen Gräber, Gründergräber, adelige Bestattungen, Gräber von politisch oder religiös Verfolgten, es gilt im Einzelnen immer eine angemessene Rücksichtnahme.

viel Spaß
Uwe

Alles in allem kann man beim ganzen Spektrum des Themas sagen, dass der Zweck die Mittel heiligt. :innocent:
Meine Knochen kriegt jedenfalls niemand, die werden verbrannt und zermahlen. :stuck_out_tongue_winking_eye:

Gruß
Kurti

Hi Kurti,

Du kannst die Asche ja zu einem Diamanten pressen lassen,
dann kannst Du weiter funkeln und glänzen!

Gruß Hugin

Hallo Kurti,

ich habe ein paar Tausend Gräber untersucht, und niemand von denen hat sich beschwert. Ich schließe daraus, dass es die Toten nicht stört.

Ärger kam immer nur von den ‚Hinterbliebenen‘, oft genug ‚Hinterbliebene im Geiste‘, also Menschen die voller Teilnahme waren, für vermutete Opfer von Gewalt (politisch, religiös, etc.), zu denen sie aber keine nähere Beziehung hatten.

Ich habe gestandene Bauarbeiter erlebt, die beim Auftauchen von Menschenknochen grün im Gesicht wurden und sich weigerten weiter zu arbeiten, und Kindergartenkinder, die jeden Tag beim Morgenspaziergang vorbeischauten und sich neugierig die Fortschritte erklären ließen.

Die Einen finden es respektlos, wenn die Knochen von Archäologen erstmal in Zeitung eingepackt werden (erdfeuchte Knochen müssen erstmal austrocknen sonst wachsen die Pilze), ich finde es respektlos wie die offiziellen Umbetter von Kriegstoten mit den Leichenteilen umgehen (Hauptsache sie finden die Hundemarke).

Der Tot gehört zum Leben dazu, ich persönlich fand es nie schlimm, wenn Skelette, Moorleichen oder Schädel in Museen mit pädagogischer Absicht ausgestellt wurden. Ich würde sie aber nicht als Halloween-Deko in Schaufenstern oder Läden sehen wollen.

Es bleibt meiner Meinung nach ein sehr individueller Punkt, der sich kaum für Verallgemeinerungen eignet.

Ich dachte für mich immer an ein Ende für die experimentelle Archäologie, Verbrennung wie bei den Germanen. Umweltschutz und Immisionsregelungen sprechen aber dagegen. Na ja.

Viel Spaß

Uwe

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Hallo Uwe,

Du hast da eine, sagen wir mal, atheistischen Einstellung (“Mir ist ja auch egal, was mit meinen Überresten geschieht!”).
Kannst Du deswegen den Wunsch anderer Verstorbenen ignorieren?
Wahrscheinlich haben die Leute ja sogar teuer bezahlt, dass sie inerhalb der Kirche bestattet wurden.
Ab wann haben denn Überreste keine Hinterbliebenen? Also, bin ich Hinterbliebener meiner Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern? Endet die Hinterbliebenschaft damit, dass für ein Grab auf dem Friedhof nicht mehr gezahlt wird?

Gruß Hugin

Hallo Hugin,

super Idee ! Habe mir auch schon einen Platz ausgesucht. :stuck_out_tongue_winking_eye: :stuck_out_tongue_winking_eye:

Gruß
Kurti

Hallo Hugin,

auch auf die Gefahr hin, gebissen zu werden, nochmal: ich werde beauftragt Bodeneingriffe in einer Kirche archäologisch zu begleiten, die jemand Anderes vornehmen will. In der Regel ist dieser Andere der Gemeindekirchenrat, der eine Heizung einbauen oder erneuern will. Manchmal auch Versorgungsleitungen auf dem Gelände oder in die Sakristei legen. Das genaue Vorgehen regeln die Behörden.

Dabei stoßen wir manchmal auf Bestattungen in situ (ungestörte Begräbnislage) aber immer auf Reste gestörter Grablegen, einzelne Knochen, Sargnägel und -beschläge. Die jeweilige Gemeinde bestimmt was damit gemacht wird, normalerweise bestatten wir alle Knochen auf dem Friedhof in einer Knochengrube. Die Vertreter des Gemeindekirchenrates bestimmt das Vorgehen, sie sind für mich die Hinterbliebenen (ohne „“). Selten mal gibt es auch Streit innerhalb der Gemeinde, was von außen kaum zu klären ist.

Bestattungen in Kirchen für Normalmenschen sind m.W. übrigens schon seit Jahrhunderten kirchlich untersagt. Sie sind außerdem ganz schlecht für die Fundamente. Was macht man, wenn so ein Grab angeschnitten wird? Zuerst dokumentieren, und dann? Die Heizung umplanen, ein Teil oder ein ganzes Grab herausnehmen? Es gibt da, in meiner Erfahrung, keine Patentlösung, man muss miteinander reden.

Dann gibt es manchmal ein „öffentliches Interesse“, weil wichtige lokalhistorisch bedeutsame Personen, Unterdrückte der zahlreichen absoluten Herrschaftssysteme der letzten Jahrhunderte, Kriegs- oder Seuchenopfer, oder, oder, auf einem ehemaligen Friedhof ganz sicher vermutet werden. Das sind für mich die ‚Hinterbliebenen‘, nicht selten als Journalist oder Publizist eben auch beruflich involviert. Auch deren Interessen wollen gehört und wahrgenommen werden.

Und dann gibt es noch Friedhöfe aus historischer Zeit ohne heute noch existierende Gemeinde, später industriell überbaut, heute Objekt der Begierde für die Immobilienwirtschaft. Auch diese Menschen sollten ihre Geschichte erzählen können und nicht nur weggebaggert werden, weil sich heute niemand für sie interessiert. Was der wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks diametral entgegensteht.

Dazu kommen die ungeplant angeschnittenen Bestattungen oder Friedhöfe, von lange aufgegebenen oder vorher unbekannten Kirchen, von Begräbnisritualen der Bevölkerung der letzten Jahrtausende. Einfamilienhäuser, Regenwasserleitungen, der Ausbau des Feuerwehrhauses. Projekte, bei denen kaum Geld oder Zeit für das Notwendigste da ist, müssen jetzt an Skelette denken. Auch nicht einfach.

Der Umgang mit den Ahnen, den eigenen wie den fremden, ist glaube ich vom eigenen Verstehen abhängig. Liturgie und Bedeutung der Religionen verändern sich aber ständig, und mit ihnen auch die Regeln für den Umgang mit den Toten. Nach welchen Regeln kann ich praktisch handeln, wenn niemand sonst da ist, der diese Verantwortung übernimmt? Egal ob das Skelett im Graben von einem Soldaten aus dem 2. WK stammt, von einem Friedhof aus dem 14. Jahrhundert oder von einem Menschen aus der vorrömischen Eisenzeit, ich muss es erst untersuchen, bevor ich es identifizieren kann. Und ich weiss, dass schon diese Störung der Totenruhe in einigen religiösen Systemen einen unverzeihlichen Fehler darstellt.

In allen diesen Fällen ist der Archäologe derjenige, der versucht ein bestimmtes Mindestmaß an Pietät und Würde im Umgang mit Toten aufrecht zu erhalten. Der versuchen muss in einem engen Zeitplan zusätzlichen Platz für die notwendigen Extras zu schaffen. Aber das grundsätzliche Vorgehen, der Bodeneingriff und die Arbeitsbedingungen der Archäologen, werden von anderen Seiten kontrolliert. Und eine ethische Übereinkunft der gehobenen Schreibtischebene hilft mir in Verhandlungen mit meinem Auftraggeber oder dem Baggerfahrer vor Ort nicht weiter.

Um auf deine Fragen zurückzukommen:

1.) ja es gibt gesetzliche Vorschriften, die aber meiner Meinung nach häufig nicht ausreichen, weil sie im Wesentlichen die Störung von intakten Gräbern regeln wollen. Knochen aus bereits gestörten Gräbern sind kaum geschützt.

2.) je älter die Gräber sind, desto geringer ist die Chance, dass religiöse Pietät (wessen Pietät denn auch?) sie schützt, je stärker eine Grablege bereits gestört ist, desto eher wird sie wohl weiter zerstört werden. Die Ansichten unter den Archäologen sind wohl genauso gemischt wie bei anderen Menschen auch, es muss für jeden Einzelfall ein Kompromiss zwischen Bedeutung und Praxistauglichkeit geben.

3.) je älter und kompletter eine Grablege ist, desto eher dürfte sie magaziniert werden. Soweit ich das kenne, werden alle anderen menschlichen Knochen wieder bestattet, entweder am Ort der Freilegung oder auf einem anderen Friedhof

Warum werden die Archäologen kritisiert, die unter Druck irgendeinen Kompromiss produzieren müssen? Das ist Tradition. Erstens sind wir sowieso Schuld an Allem, und zweitens, der Überbringer schlechter Nachrichten und so weiter.

Ich weiss nicht ob du, als der Rabe, der du bist, in einer Kirche bestattet werden wolltest. Aber wenn, und ich müsste dich Jahrhunderte später ausgraben, sei versichert, dass ich dich mit allem Respekt behandeln würde. Es finden sich übrigens öfters mal magische Utensilien in oder an Kirchen, ein gewisser Freiraum besteht also immer.

Ich hoffe, deinen Zorn etwas beruhigt zu haben

Viel Spaß

Uwe

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