Augenperle ohne Augen






Hallo,
im Süden Sachsen-Anhalts habe ich diese blaue gläserne Perle gefunden. Sie weist sechs gegenständige muldenförmige Vertiefungen auf. Diese sollten von schichtweise aufgetragenen Augen stammen, wie sie typisch für keltische Augenperle sind. Vermutlich sind die Augen herausgefallen, da sie bei zu niedriger Temperatur aufgebracht wurden. Im Museum Merseburg ist so eine Perle ausgestellt, die auch diese gegenständigen Augen aus weißer und blauer Glasmasse auf blauem Grundkörper zeigt.
Viele Grüße

Moin Sven,

Glückwunsch zu dieser kleinen Kostbarkeit.

Hast Du genügend Literatur zu Perlen, um die Zeitstellung einzugrenzen?

Im Sucherforum war vor kurzem etwas vorgestellt, wenn Du nichts findest, muss ich später mein Archiv durchforsten.

Gruß

Jürgen

Hallo Jürgen,
ich habe mich schon mit Augenperlen beschäftigt, da ich vor ca.30 Jahren schon einmal an anderer Stelle ein Fragment einer verbrannten Spiralaugenperle gefunden habe.
Spiralaugenperle

Ich habe schon einiges darüber gelesen, eine Facharbeit zur zeitlichen und räumlichen Einordnung leider noch nicht. Über bayrische Augenperlen wurde schon publiziert, auch eine Karte mit der Verbreitung habe ich schon irgendwo gesehen.
Wenn du noch mehr hättest, wäre ich sehr dankbar! (im Sucherforum konnte ich nichts Neues finden)
Auch über die Herkunft wurde viel spekuliert und eine Herkunft aus dem südlichen Europa angenommen, da man nicht von einer lokalen Herstellung an den Fundorten ausgeht. Mein Fund mit den fehlenden Augen lässt mich da aber zweifeln. Handelt es sich dabei doch eventuell um eine Art Ausschuss, da die Augen , vermutlich wegen zu niedriger Temperatur beim Aufbringen nicht gehalten haben. Wäre diese dann nach Mitteldeutschland gelangt?
Sie gehört zu den einfacheren Augenperlen im Vergleich zu der viel aufwendigeren Herstellung der Spiralaugenperle. Ich hoffe ihr erkennt auf dem alten Bild um was es sich handelt: Eine Spiralaugenperle mit wohl drei oder vier mittig sitzenden Spiralen, doppelt so vielen paarig angeordneten Spiralen zwischen den größeren und gelben Tupfen um die Spiralen. Das ist wohl die aufwendigste Form dieser Perlen.
Hier ein Bild aus einer Publikation von Zepezauer 1979
Da in der zweiten Reihe von unten die dritte.


Viele Grüße

1 Like

Hier noch ein Link zu
Wilfried Auer, frühlaténezeitliche Schichtaugenperlen in Nordbayern:
https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiKzMzw1Kz2AhXMRfEDHRP5B3sQFnoECBEQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.zobodat.at%2Fpdf%2FAbh-Naturhist-Ges-Nuernberg_39_0215-0252.pdf&usg=AOvVaw1dblgljtjZR78BTWq9aG2i
Bei der Lektüre ist mir aufgefallen, dass vieles, was Auer da über die Augenperlen schreibt auf meinen neusten Fund (“blinde” blaue Augenperle) nicht zutrifft.
Mal davon abgesehen, dass Perlen mit sechs Augen eine Rarität darstellen, liegen die hier auch noch wechselseitig, was bei dem Herstellungsprozess, den er beschreibt, ungewöhnlich wäre. Da liegen die Augen in der Regel mittig.
Auch der kobaltblaue Grundkörper findet bei ihm keine Erwähnung, seine Stücke sind meergrün oder gelb im Grundkörper. Ansonsten sind blaue Grundkörper aber schon üblich, wie das Bild oben mit den Spiralaugenperlen von Zepezauer zeigt.
Da aber im nahen Museum genau so eine Perle (1/2) zu sehen ist, bin ich mir bei der Zuordnung sicher. Das könnte für eine lokale Herstellung sprechen, nicht wie sonst angenommen, nur im Süden Europas. Interessant wäre es, zu untersuchen, ob es regionale Besonderheiten gibt.
Viele Grüße

Moin Sven,

na, super, da bist Du ja bestens informiert.

Die Farbtafel kommt mir bekannt vor. Was ich auch liefern könnte:
Die Perlen der römischen Kaiserzeit und der frühen Phase der Völkerwanderungszeit im mitteleuropäischen Barbaricum
VON MAGDALENA TEMPELMANN-MACZYŃSKA

Darin befinden sich auch sehr schöne Farbtafeln.

Wenn Du es nicht im Net findest, ich habe ein PDF davon.

Ich müsste noch mehr haben, aber die Zeit…^^ sorry.

Gruß

Jürgen

Vielen Dank, Jürgen.
Hier der Link zum umfangreichen Werk
https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwip4sDwoa_2AhWLCewKHVdsBEMQFnoECAQQAQ&url=http%3A%2F%2Fwww.archaeology.ru%2FDownload%2FTempelmann%2FPerlen.pdf&usg=AOvVaw1cjtBZZBC5MWs-3HOBrSK5
(Die Perlen der römischen Kaiserzeit und der frühen Phase der Völkerwanderungszeit im mitteleuropäischen Barbaricum
VON MAGDALENA TEMPELMANN-MACZYŃSKA)

Danach könnte es auch eine Augenperle aus der Kaiserzeit Stufe B 2 sein. (218a/218c), nicht zwingend keltisch, wie ich annahm.
Viele Grüße

Nun konnte ich Dank der sehr freundlichen wissenschaftlichen Mitarbeiterin im Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg die dort befindlichen Perlen in Augenschein nehmen, mit meinem Fund vergleichen und durch Nebeneinanderlegen vergleichbare Fotos machen.

Bei den dort befindlichen Perlen handelt es sich um Spiralaugenperlen, wohl aus einer Brandbestattung, sie sind teilweise miteinander verschmolzen. Die meiner Perle ähnliche blaue Spiralaugenperle liegt nur als Fragment (ca.1/2) vor. Ein weiteres derartiges Fragment ist mit einer Perle mit gelber Grundmasse und weiß-blauen Spiralen verschmolzen.

Daher kann man von einer gleichen Datierung ausgehen, da diese Spiralaugenperlen wohl nur im keltischen Zusammenhang vorkommen.

Leider ist der genaue Fundort nicht mehr bekannt, durch Recherche fand die wissenschaftliche Mitarbeiterin, aber heraus, dass diese Perlen vermutlich in einen Fundzusammenhang einer vor 1915 geborgenen Brandbestattung in knapp 30 km Entfernung zum Fundplatz meiner Perle gehören dürften. Das geht aus den Fundakten hervor und auch auf einem Foto sind sie zu sehen. Inventarnummern oder zuverlässige Informationen zum Fund sind leider nicht überliefert.








Interessant!
Schade, dass es keine genaueren Informationen zu dem Brandbestattungsfund von 1915 (mehr) gibt.

Viele Grüße
Andreas

Moin Sven,

schöne Kooperation mit der Wissenschaft / Archäologie - so macht es Spaß.

Danke für den Nachtrag.

Gruß

Jürgen

Moinsens Sven,

ich hole das etwas ältere Thema nochmal hoch, da ich beim Durchblättern einer Publikation von Jan Bemmann auf Perlen aus Deinem Arbeitsgebiet gestoßen bin… Interessanterweise verlegt er kaiserzeitlich datierte Funde in die VWZ und das Frühmittelalter…
Vielleicht hilft Dir das auch noch weiter (so Du das nicht sowieso schon vorliegen hast)…

Verkannte merowingerzeitliche Grabfunde und eine karolingerzeitliche Perlenkette aus Sachsen-Anhalt

Grüßlix
Thomas

Vielen Dank, Thomas!
Das kannte ich noch nicht. Meine Schlüsse aus dem Vergleich der Perlen zur Datierung müssen nicht zwingend stimmen. Ich bin gespannt auf Samstag, da werde ich zur Tagung der Ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger in Dessau die Perle vorlegen und erhoffe mir neue Erkenntnisse, da ich da auch die Meinung der Archäologen erfahren könnte.
Viele Grüße

Bei der Abgabe der Perle samt Beifunden und ausführlichem Fundbericht, den ich auch durch eure Mithilfe verfasst habe, wurde die keltische Herkunft und Datierung mehrfach bestätigt. Für Sachsen-Anhalt ist das ein seltener Lesefund.
Vielen Dank!

Hi, habe meine Masterarbeit über die ‚latène‘—Elemente in Sachsen-Anhalt und Thüringen geschrieben. Ich finde die Überlegung interessant das es sich um eine Perle nach ‚lokalem Geschmack‘ handeln könnte sehr spannend.

Hallo Ida,
willkommen hier im Forum!
Da freue ich mich auf deine Beteiligung.
Hast du Anhaltspunkte, die für hiesige Fertigung von “keltischen” Artefakten nach “lokalem Geschmack” sprechen könnten?
Tatsächlich sehen Augenperlen in anderen Regionen etwas anders aus. Gibt es solche “Eigenheiten” im mitteldeutschen Raum auch bei Bronze-Schmuckstücken?
Viele Grüße

Nicht direkt, ich meine allerdings eine deutlich angepasste Auswahl von Gestaltungselementen bei Bronzeartefakten beobachtet zu haben. Weitaus abstrakter und reduzierter als ‚latène‘ Vorlagen… Man hatte durchaus Ansprüche an das was man sich zu eigen machte. Bei der Keramik gibt es ja auch einiges das nach man hat versucht es nachzubereiten aber scheiterte an den Produktionsmitteln aussieht. (Bei der Drehscheibenkeramik vor allem am fahren des Ofen) (hab jetzt meine Unterlagen nicht parat aber es gab eine Siedlung wo der Bearbeiter das schön herausgearbeitet hat)
Glas ist ja eh ein bisschen schwierig.

Wurden Przeworsk-Funde in der Region gemacht? Also deutliche?

Über Funde der Przeworsk-Kultur ist mir hier nichts bekannt.
Aber von Drehscheibenkeramik dieser Zeit habe ich schon gehört.
Wenn mich nicht alles tauscht, hat man eine Werkstätte im östlichen Saalekreis nachgewiesen.