Beschlag in Reiterform

Hallo Zusammen,

ich war gestern bei Bekannten, die gerade den Haushalt des Vaters auflösen. Dieser hat zu Lebzeiten alles Mögliche zusammengetragen. Darunter auch dieser bronzene Beschlag. Darauf zu sehen ist ein Reiter mit Lanze. Die Familie lebte im Rheinland, weshalb das Stück möglicherweise aus der Region kommt. Das ist allerdings eher spekulativ.

Hat jemand eine Idee, was es damit auf sich haben könnte (Alter, Darstellung)?

Viele Grüße

Andreas

Hallo Andreas,

das ist ein sehr interessanter Fund! Schade, dass die Fundumstände nicht bekannt sind.

Offenbar sehen wir hier einen keltisch-germanischen Reiterkrieger, vermutlich in römischen Diensten. Rheinland passt in dem Fall sehr gut, und weit aus dem Fenster gelegt würde ich 1. bis 2. Jahrhundert vermuten.

Oder ich liege total falsch und es ist merowingisch/karolingisch. :smiling_face_with_sunglasses:

Gruß, Timo

Danke für die Antwort Timo!

Wie kommst du auf den keltisch germanischen Reiterkrieger? Gibt es irgendwelche Vergleichsstücke? Ich habe noch einen Beschlag aus dem Gokstad Schiff im Netz gefunden, der eine ähnliche Reiterfigur darstellt, aber nicht die Gleiche: Google Image Result

Viele Grüße

Andreas

Der Bart, der recht kurze Speer (auch wenn ein Teil wohl abgebrochen ist) — aber wie gesagt würde ich auch einen karolingischen Reiter nicht ausschließen wollen, der sich immer noch in gallo-römischer Tradition befindet.

Aber letztlich müssten das echte Fachleute bestimmen, von denen ich keiner bin. :smiling_face_with_sunglasses:

Gruß, Timo

Hallo Timo,

das Fehlen von Steigbügeln beim Reiter würde ebenfalls deine Datierung unterstützen.

Viel Spass

Uwe

Danke für die Rückmeldungen. Das wäre natürlich der Kracher! Wirklich schade, dass der Fundzusammenhang nicht überliefert ist. Ich hab mal ein wenig gegoogelt - auch die vermeintliche Kopfbedeckung könnte ein Zopf / Dutt sein, wie man ihn auf Darstellungen von Germanen findet. Oder ein römischer Helm mit angedeuteten Wangenklappen. Leider gibt es wenig zeitgenössische Darstellungen im Netz. Hat jemand eine Idee, an wen oder welche Institution ich mich damit wenden könnte? Mit Museen bin ich so ziemlich durch, da hatte ich in der Vergangenheit fast nie korrekte Bestimmungen erhalten.

Viele Grüße

Andreas

Servus,

das könnte auch ein keltischer Strohhut sein.

Hier zu sehen, die historische Darstellung eines keltischen Reiters auf dem Römer Kelten Fest in Manching:

Gruß Shard

Edit: Sorry, nicht Stroh, sondern Birkenrinde. Ein solcher Hut wurde in einem Keltengrab bei Hochdorf gefunden.

Dass die Kopfbedeckung so schlecht zu erkennen ist, macht es wirklich nicht einfacher. Aber zumindest meine ich Wangenklappen zu erkennen, bzw. eine davon.

Die Suche nach Vergleichsstücken erwies sich als schwierig. Ein interessantes Stück (ebenfalls undokumentiert, aus der Sammlung eines Engländers) habe ich dennoch gefunden:

Romano-Celtic Tinned Bronze Horse-And-Rider Brooch - Ancient Roman Antiquities | Ancient & OrientalAncient & Oriental

Zwar als Brosche/Spange ausgeführt und stilistisch etwas abweichend, gibt es jedoch eine auffällige Parallele, nämlich die als nahezu kreisrunde Löcher ausgeführten Leerräume unter dem Pferdehals und unter dem Arm des Reiters.

@Tschip , auch wenn Du mit Museen schlechte Erfahrungen gemacht hast, würde ich mich mit dem Stück an das Römisch-Germanische Museum in Köln wenden. Aber vielleicht hat ja jemand noch eine andere Idee.

Gruß, Timo

Ich habe mittlerweile das RGM in Köln und einen befreundeten Archäologen kontaktiert. Vom Museum habe ich noch keine Rückmeldung. Der Archäologe hält es für spätmittelalterlich / frühneuzeitlich. Dazu passt mAn jedoch der Speer nicht, da dieser als Bewaffnung zu der Zeit wohl nicht mehr wirklich in Gebrauch war.

Für mich ist daher nach wie vor der Germane in röm. Diensten am plausibelsten

Hallo in die Runde,

unterschiedliche Details lassen mich doch eher an eine neuzeitliche Entstehung denken:

Zunächst der Zustand der Rückseite. Die groben Feilenspuren scheinen mir noch von der Herstellung zu stammen. Die ebene Seite spricht für die Anbringung auf einer Fläche.

Die beiden sehr exakten Löcher wirken gebohrt. Da würde vielleicht ein Detailfoto helfen. Auch eine vorsichtige Reinigung der Löcher. Der Dreck sieht eher frisch aus. Sind es Befestigungslöcher? Dann gäbe es aber vermutlich Korrosionsspuren.

Die Kanten des Objektes an der Rückseite sind zu frisch für eine frühe Datierung.

Gegen eine antike Datierung spricht der aufgeworfene Pferdeschwanz. Bei vorwärtssprengenden Tieren ist der bei römischen Beispielen in der Regel gestreckt. Ich denke eher an einen bärtigen frühneuzeitlichen Lanzenreiter mit Brustpanzer und Helm. Auch den vom Sattel nach unten geführte Gurt kenne ich so nicht. Der wäre im Griechischen und Römischen eher vom Sattel zum Schwanz geführt.

Die Befestigung erschließt sich mir nicht ganz, denn bei nur einer zentralen Nietung würde sich das Ganze drehen lassen. Reine Spekulation: Eine drehbare Applik zum Verdecken eines Schlüssellochs bei einer Kasse.

In jedem Fall ein sehr anregendes Stück.

Beste Grüße,

J_Ge

Danke für die Rückmeldung und generell für die spannende Diskussion.

Die Feilspuren auf der Rückseite und Kanten finde ich kein Indiz für irgendwas. Ich habe schon römische Stücke gesehen, die sahen aus wie eben hergestellt.

Die Löcher sind konisch gebohrt. Hinten ca. 3mm Durchmesser, vorne dann 2,5 - 3mm. Ich nehme an, dass das Stück gegossen und dann zisilisiert wurde.

Anbei eine Aufnahme mit etwas Seitenlicht. Hier erkennt man die recht fein ausgearbeiteten Details. U.A. auch den hinter dem Reiter senkrecht herunterreichende Riemen vom Geschirr. Tatsächlich konnte ich nirgends (auch nicht in Richtung Osten) ein solches Zaumzeug finden. Es geht eigtl immer ein Riemen waagerecht nach hinten. Aber vielleicht war der Künstler nicht so bewandert, was das angeht.

Von der grundsätzlichen Erscheint erinnert mich der Reiter ebenfalls sehr an die frühe Neuzeit. Auch mit der Kopfbedeckung und dem Bart würde er gut in die 2. Hälfte des 16. Jh passen. Allerdings passt die Lanze hier nicht ins Bild. Und diese würde ich mir nicht mit künstlerischer Freiheit erklären wollen. Lanzen als Kriegswaffe kamen im Mittelalter außer Gebrauch und erlebten erst im 19. Jh. bei den Ulanen wieder eine Renaissance (die sehen aber anders aus).

Auf der anderen Seite fallen auch die Abstufungen am Ellbogen und der Schulter auf. Es könnte sich hier schon um angedeutete Elemente einer leichten Rüstung handeln…

Hier haben wir einen solchen aus dem 16. Jh, wo auch ein Riemen hinter dem Sattel recht prominent nach unten geht: Google Image Result

Ich bin gespannt, ob wir das Rätsel noch lösen können.

Viele Grüße

Andreas

Edit: Ich habe doch tatsächlich die Waffengattung der Lanzierer übersehen, die es sehr wohl im späten mittelalter und der frühen Neuzeit gab. Eventuell könnte es sich hier um einen solchen handeln