Scherben m. schwarzer Innenseite

Liebe Keramik-Experten, anbei meine erste Frage. Ich erbitte Nachsicht, wenn ich Unsinn schreiben :wink: Zur Vorgeschichte: Ich habe mal Ur- und Frühgeschichte im Nebenfach studiert. Meine Grabungen betrafen alle Spät-Mittelalter/frühe Neuzeit (Wüstung und Burg) im Göttinger Raum, meine Erfahrungen bei Feldbegehungen mit Hans-Georg Stephan, ebenfalls im Göttinger Raum, umfassen im wesentlichen auch mittelalterliche mit ein paar neolithischen Funden. Die folgenden Funde sind alle aus meinem Gemüsegarten beim Kartoffelernten angefallen. Den Fundort habe ich vor zwei Jahren beim Landesamt in Schleswig gemeldet. Er betraf zwei endneolithisch/bronzezeitliche Flintartefakte und etliche Scherben diverser, kaum näher eingegrenzter Zeitstellungen. Der Fundort liegt südöstlich von Rendsburg, südlich der Eider und westlich der Jungmoränengrenze auf einer Altmoränen-Kuppe in einem Dorf. Unter den Scherben sind mittlerweile etliche, die eine mehr oder weniger glänzende schwarze Innenseite haben. Die Bruchflächen sind problemlos mit dem Fingernagel abzukratzen, wobei sich schwarze Trauerränder unter dem Fingernagel bilden ;). Das ganze ist also recht kohlenstoffhaltig. Die Keramikoberflächen sind jedoch relativ hart und kaum mit dem Fingernnagel zu kratzen. Beim Bewegen der Scherben zeigen einige Scherben metallische Reflexe, was mich auf Graphit schließen lässt? Insgesamt sieht das Ganze für mich (Nicht-Experten) nach relativ qualitätvoller, vor allem recht dünner, handgemachter Keramik aus. Drehspuren sind für mich(!) nicht zu erkennen. Für die dünnen Scherben habe ich keine korrespondierenden Randscherben gefunden. Dickere Scherben, die zumindest vom Kohlenstoff-Gehalt ähnlich sind aber gröber gemagert, existieren. Scherbe I - Außenseite rot: Scherbe I - Bruchkante: Scherbe I - Innenseite dunkel: Scherbe I - Innenseite Reflex: Scherbe II - Außenseite rot: Scherbe II - Bruchkante: Scherbe II - Innenseite schwarz: Scherbe II - Innenseite Reflex: Scherbe III - Außenseite schwarz: Scherbe III - Bruchkante: Scherbe III - Innenseite schwarz: Scherbe III - Innenseite Reflex: Scherbe IV - Außenseite grau-braun, mit leichtem Knick im Schulterbereich?: Scherbe IV - Innenseite grau-schwarz: Scherbe IV - Bruchkante: Scherbe IV - Ansicht von oben, seitlich dicker werdend (Übergang zu Henkel o.ä.?): Habt Ihr eine Ahnung, um was es sich hier handeln könnte - qualitätvolle Scherben, die älter als Spätmittelalter sind, oder primitive neuzeitliche Ware? Ich weiß: Es sind kleine Scherben, ohne Verzierung, ohne Randformen, ohne Möglichkeit, sie anzufassen. Vielleicht hat trotzdem jemand eine Idee… Liebe Grüße Uli

Hallo uli, Willkommen im Forum! Für mich sehen die Scherben eher modern aus. Die Magerung gibt eigentlich nichts älteres her. Aber auch ich bin kein Experte. Vielleicht findet sich noch jemand. Für die anderen: Für eine größere Anzeige der Bilder per rechter Maustaste auf “Graphik anzeigen” klicken.

Also ich hatte vor kurzer Zeit bei einer Grabung mitgewirkt, und hatte mit ein paar solcher Scherben zu tun. Ich bin der Meinung, dass dies Wechselbrandscherben sind. Typisch für diese sind ein dunkler Kern, an der Bruchstelle, der nach außen hin immer heller wird. Das heißt, die Scherbe wurde öfter gebrannt. Also der Archäologe meinte, dass solche Scherben auf das 12. oder 13. Jhd. zu datieren sind. Also das ist meine Meinung, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Darth

Hallo Leute, @Darth Wechselbrandscherben? Die Ursache, dass der Kern der Scherben dunkel ist, kann auf eine Brenntemperatur von unter 600 Grad zurückzuführen sein. In diesem Fall wird die Kernzone nicht lange genug erhitzt. @sebastian h. Wie kommst Du darauf, dass man aufgrund der Größe der Magerungspartikel das Alter der Keramik fixieren kann? @uli Hmm, ohne Ränder ist es unmöglich etwas genaues zu sagen. Aber auf Bild 4 “könnte” es sich um eine vorgesch. Scherbe handeln. Eisenzeit!? Sei doch bitte so nett und stell die Bilder der gröberen Kermaik mit den Randstücken ein. Ciao

Vielen Dank schon einmal für die Rückmeldungen. Ich weiß ja, dass solche Scherblein eine Zumutung sind …

Kommt etwas später. Allerdings sind die Lesefunde natürlich bunt gemischt und nicht aus einem gemeinsamen Befund. Ob also die Randformen der gröberen Keramik mit der oben gezeigten feineren etwas zu tun hat, ist ja nicht gesagt. Soll ich die Fotos wieder als Bilder einstellen oder nur als Links - wegen der Ladezeiten? Liebe Grüße Uli

Ich finde die Ladezeiten der Bilder noch erträglich. :smiley:

Folgende Randformen weisen den starken Kohlenstoff-Anteil auf, wie die oben gezeigten dünneren und feiner gemagerten Scherben. Der Bruch kann mit dem Fingernagel gerade geschabt werden, während die Oberflächen knapp härter als der Fingernagel ist: Randform 03 weist eine relativ starke Rundung auf, die anderen weisen auf einen recht großen Mündungsdurchmesser. Rand 01 Innenseite: Rand 01 Außenseite: Rand 02 Innenseite: Rand 02 Außenseite: Rand 03 Innenseite: Rand 03 Außenseite: Rand 04 Innenseite: Rand 04 Außenseite: Rand 05 Innenseite: Rand 05 Außenseite: Das Fundareal misst etwa 5 x 10 Meter. Das Dorf ist 1264 zum ersten Mal erwähnt und die entsprechende graue Kugeltopfware ist auch mit den größten Scherben vertreten - zusammen mit früh neuzeitlichen, innen glasierten Grapen. Ich kenne halt die mittelalterlichen Wüstungen im Kreis Göttingen. Deren Lese-Funde sind sehr viel einheitlicher (um nicht zu sagen: langweiliger) mit grauer Irdenware und Faststeinzeug. Deshalb bin ich so verwundert über die Vielfalt an Keramikwaren und Formen in meinem kleinen Gemüsebeet. Liebe Grüße Uli

Hallo Uli, danke für die Bilder. Ich komme aus der Nähe Deiner ehemaligen Heimat. Da kann ich Dir ja nichts Neues sagen. Der Rand 1 passt doch einigermaßen in die von Dir angegebene Zeitstellung. Ich denke, dass Du ihn auf einer Deiner Göttinger Wüstungen eher in das frühe MA stellen würdest? So 8/9 Jhd.! Bei den anderen fällt mir nichts ein außer hart gebrannter Irdenware, relativ porös. Ich habe allerdings keine Ahnung von mittelalterlicher Keramik in SH. Ciao Mit welcher Software hast Du die Profile erstellt? Ganz prima.

Hallo Uli, nach dem, was man so auf den Fotos und Zeichnungen erkennen kann, würde ich meinen, dass die Scherben allesamt ins 12./13. Jh. zu datieren sind. Ähnliches Material kenne ich von Ausgrabungen, allerdings aus Süddeutschland. Kann sein, dass solche Keramik in Norddeutschland anders datiert wird, aber die Datierung würde doch gut zu der ersten Erwähnung des Ortes 1264 passen. Grüße

Hallo a.brunn, ohne Sie belehren zu wollen, möchte ich anmerken, dass der ausbiegene Rand ohne Innenkehlung (Rand 1) durchaus ins ausgehende Frühmittelalter datiert werden kann. Jedenfalls im Göttinger Bereich K:-) Ich habe eine im 8ten Jhd. urkundlich fassbare Wüstung, die außer der üblichen hochmittelalterlichen, hart gebrannten, graublauen, gekehlten Kugeltopfware die erwähnten einfachen Ränder liefert. Die sind unstrittig ins 8/9 Jhd. datiert. Auf jeden Fall hat kein Stück, wie von sebastian.b. angeführt, eine moderne Zeitstellung. Ciao

Hallo volland, ich würde mich nicht wirklich als Keramik-Experten bezeichnen, auch kenne ich mich weder mit der Keramik in Schleswig-Holstein noch mit der im Göttinger Raum besonders gut aus. Daher kann und will ich auch gar nicht abstreiten, dass diese Randform dort auch früher datiert wird. Jedoch würde es mich nicht wundern, wenn die Scherbe ins 12./13. Jh. datiert. Die Fotos erinnern mich wie gesagt an Keramik aus dieser Zeit, die in Süddeutschland gefunden wurden. Neuzeitlich sind die Scherben jedenfalls auch meiner Ansicht nach nicht. Mein Datierungsvorschlag ist aber eher intuitiv als dass ich ihn jetzt großartig belegen könnte. Daher gebe ich jetzt weiter an die Keramikexperten :-" Grüße

Vielen Dank für die produktiven Rückmeldungen! :slight_smile: Es ist wohl einfach fast unmöglich, die Warenart über Fotos oder Zeichnungen rüberzubringen bzw. zu erfassen… 8) Rein nach der Form gibt es ein Dorf weiter westlich aus einer Grabung Parallelen zu Randform 03. Dort ist ein Kugeltopf und ein Topf mit Standboden mit (soweit in der Publikation erkennbar) entsprechenden Randformen aus einem (sächsischen) Grubenhaus in das ausgehende 8. Jahrhundert datiert. Für den Ort gibt es Funde und Befunde durchgängig aus der jüngeren vorrömischen Eisenzeit bis zur Neuzeit. Die Töpfe mit den ähnlichen Randprofilen dort sind aber auch in der Gesamtform rekonstruierbar gewesen (das Grubenhaus ist wohl in Benutzung abgebrannt) - und ich habe die Töpfe (noch) nicht live und in Farbe gesehen oder gar angefasst, um das Material vergleichen zu können. In der mittelalterlichen Wüstungs-Grabung im Landkreis Göttingen (Drudewendshusen) hatten wir eine verlagerte Scherbe aus dem 8./9. Jahrhundert: Die sah aber eher wie ein dickes Stück gebrannten Hüttenlehms oder ein zerbrochener Ziegelstein aus, so grob war das Teil. Das hätte ich nie als “Scherbe” identifiziert. Hier in Schleswig-Hosltein könnte sich eventuell der Einfluss Haithabus bemerkbar zu machen, denn der Handelsweg von Süden kommend über Land (“Ochsenweg”) führte nur ein paar Kilometer westlich bei uns vorbei. Die z.B. am Danewerkstor datierte Keramik aus dem 12./13. Jahrhundert ist wohl im allgemeinen sehr viel härter und klingender gebrannt, auch innen nicht so schwarz oder auf der Innenseite gar geglättet, wie meine Schätzchen. Die Oberflächen des 12./13. Jh. sind wohl meist auch viel rauher, weil die Magerung durch die hohen Brandtemperaturen hervortritt. Naja, wie dem auch sei, ich werde wohl nicht drum herum kommen, mir entsprechende Orignalfunde anzuschauen und möglichst auch anzufassen, um ein Gefühl für das Material zu bekommen. Wenn Ihr Interesse habt, kann ich ja weiter berichten - wird nur eine Weile dauern… Liebe Grüße Uli

Ach ja, die Randprofile sind folgendermaßen entstanden: - Die Scherben mit einer Pinzette gegen das Licht gehalten, so dass die Oberkante eine gerade Linie bildet und die Ausrichtung einigermaßen korrekt ist und dann fotographiert. - Die Datei mit Photoshop geöffnet, - die Gradierung erhöht für einen größeren Kontrast, - die Pinzettenschenkel weggeschnitten, - die s/w-Bilder in einer Datei zusammengestellt, - dann auf gleiche Größe skaliert, - noch einmal letzte Korrekturen an der Ausrichtung vorgenommen (Scherbe so gedreht, dass der abgestrichene Rand horizontal liegt), - die horizontalen Linien für Außenkanten und Umbrüche per Hand eingefügt, - auf eine Ebene gebracht und den Maßstab hinzugefügt. Das war schon ein bisschen Aufwand, aber so hab ich es auch einmal für mich dokumentiert. Liebe Grüße Uli

Von der Größe habe ich nicht gesprochen.

Hallo, auch die Art der Magerung erlaubt keine zeitliche Einordnung. Ciao

Hallo Uli, Ich denke mal, dass die Scherbe mit dem dunkeln schwarz-glänzenden Innenseite und er helleren orange-beigen Außenseite das Fragment eines Tigels ist, der in der Kupfer/Bronze gewinnung verwendet wurde, ist. D. h. In diesem Gefäß wurde das geschmozlene Metall aufgenommen, um dieses in Form gießen zu können. Hast du Schlacken in der Umgebung dieser Tonscherbe gefunden? Schlacken können auch diesen metallischen Glanz (grau-schwarz bis manchmal weinrote Verfärbung bis rostfarbene Einschlüße) aufweisen. Sie haben häufig die Größe und Breite von Tonscherben, sind jedoch wenn aus der Bronze/Kupferschmelze entstammende Schlacken eisenhaltig und deshalb ziemlich schwer. Man kann sie von Tonscherben weiters durch die eingeschossenen Luftblasen gut unterscheiden. Habe eine ziemlich ähnliche Tonscherbe zusammen mit vielen Schlacken gefunden (Foto 1 und 2 Tonscherbe mit schwarzer Innenseite). schöne Grüße Kliaber