Scherben - wirklich alles aufheben oder ab welcher Größe?

Guten Abend zusammen,

weil das vorhin Shards MA-Scherben-Thread Thema war. Es ist ja good practice, bei Feldbegehungen alle Funde mitzunehmen, gerade auch Scherben. Was mich aber mal interessieren würde: Ab welcher Größe lasst ihr sie liegen? ich meine, klar, wenn da unter nichts als MA und Neuzeit plötzlich ein Futzelchen Prähistorisch auftaucht, nimmt man die natürlich mit, auch bei bloßen Verdacht. Aber es geht mir um die Massen an Mittelalterware, Frühneuzeitliches und Neuzeitliches - wirklich alles aufheben? Ich habe so viele 3-4-mm-Stückchen Grauware, es ist nicht mehr lustig.

Liebe Grüße
Inez

Moin Inez,

auch wenn ich kein Keramiker bin, Stücke von 3 bis 4 mm Grauware, sporadisch aus dem
Pflughorizont, können kaum zielführend sein.

Die Frage solltest Du unbedingt Deinem Kontakt im Amt stellen. Ich denke,
dann bist Du eine Sorge los.

Gruß

Jürgen

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Servus,

ab hohem Mittelalter Nehm ich nur aussagekräftiges mit. Also zum Beispiel Randstücke die ich noch nicht habe. Ab frühem Mittelalter Nehm ich alles mit, aber da gibt’s auch nicht so viel auf den Feldern.

Gruß Shard

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Hallo,

die Zeiten haben sich leider dank der geänderten Bodenbearbeitung sehr stark geändert, so konnte man noch vor 10 Jahren teils mehr als handflächengroße Scherben auflesen so sind es heut dank der Kreiselegge oft weniger als 1/4 derer große Scherben. Pauschal kann man das ohnehin nicht beantworten, die Ämter oder Zweigstellen stöhnen teilweise unter der Scherbenflut die auf sie je nach Zeitstellung und deren Begehungsintensivität zukommen kann. In meinem Begehungsgebiet hat man sich darauf geeinigt nur noch aussagekräftige Scherben wie Randstücke, Sonderformen oder Scherben mit Verzierung aufzulesen.
Mittelalterliche bis spätmittelalterliche Siedlungsstellen begehe ich ohnehin nicht, da mein Interesse eher ab der Römerzeitlich, Bronzezeit, Neolithikum bis in Paläolithikum reicht.
Bucentaur

Vielen Dank für eure Antworten! Bislang durfte ich ja noch alle Scherben behalten, weil ich ja vergleichen lernen muss (oder weil sie tatsächlich nicht noch einen Haufen MA-Scherben wollten :squinting_face_with_tongue:), aber ich werde mal fragen, wie sie’s gern hätten. Mein Rücken ist nicht bös, wenn er sich nicht wegen jedem Mini-Teil bücken muss.

Liebe Grüße
Inez (die heute nach dem Regen wieder losstapft!)

aber noch eine Anschlussfrage: Diese veränderte Bodenbearbeitung kann man ja nicht ändern, aber geht ihr vielleicht bei der Suche jetzt anders vor? Sucht ihr länger, konzentrierter auf kleinere Bereiche, oder wäre das sowieso für die Katz? Kann man denn überhaupt noch ordentliches Material erwarten?

LG

Hallo,
die Begehungsfläche bleibt dieselbe. Die "ordentliche Materialfrage " ist insofern berechtigt, daß bedingt durch die Kreiselegge sich vieles geändert hat. Als ich vor Jahrzehnten begann die Felder zu begehen war es in der Landwirtschaft üblich im Herbst den Boden mittels Tiefpflügung (Pflugtiefe je nach Bodenbeschaffenheit bis 0,50 m und mehr) zu beackern. Die mächtigen Ackerschollen enthielten oftmals viel von der Kulturschicht und deren Inhalten. Im Frührjahr, wenn dann die Ackerböden fein gearbeitet wurden fanden sich dann oftmals herausragende Keramikscherben.
Auch ein zerscherbtes Stichbandkeramisches Gefäß konnte ich in einer Scholle steckend vor Jahren auflesen. Das kleine Gefäß wurde von einer Mitarbeiterin des Amtes hervorragend restauriert. Solche Oberflächenfunde halte ich heute für nicht mehr möglich. (siehe Foto


Grüße Bucentaur

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Hallo,
hier noch ein Beispiel einer durchschnittlichen Begehung, ein Suchtag im Jahre 2014.
Scherbenfunde in dieser Größenordnung sind heute in meinem Fundgebiet nicht mehr möglich.
Bucentaur



unfassbar … davon kann man ja nur träumen, also ich zumindest! Tja, die Bodenorganismen profitieren (immerhin), die Archäologen nicht.

Liebe Grüße
Inez

Servus,

nur noch als Anmerkung: nicht alles was ich aufsammel wird auch gemeldet. Das erfolgt in Absprache mit dem Amt. Gerade bei den Scherben sind viele einfach nur für mich zum lernen.

Wenn man jeden Fitzel melden würde, könnte man das Amt bis zum Sankt Nimmerleinstag beschäftigen. :sweat_smile:

Gruß Shard

also, die Archäologen, mit denen ich mitlaufen kann und die fürs Amt unterwegs sind (logischerweise), sagen, bei neuen Flächen erstmal alles mitnehmen, bis man ein Gefühl dafür kriegt, was drauf liegt. Später dann nicht mehr, das zeug, von dem na sich sicher ist, dass es zum Scherbenschleier gehört. Das ist jetzt natürlich die alles entscheidende Frage: Wann und woher weiß ich, was zum Scherbenschleier gehört, gerade bei einer Fläche, die terra incognita ist (was die Besiedlung betrifft)? Sie haben mir noch ein Beispiel genannt: Wenn man z. B. wissen will, ob eine Gemarkung zu einem bestimmten Zeitpunkt, meinetwegen ab 1500, bestellt wurde oder vielleicht zu einem Kloster gehört hat, kann das, was da mit dem Mist aufs Feld gekarrt wurde, natürlich wichtig sein. Deshalb, vor allem, wenn man nichts weiß, erstmal alles mitnehmen, dann kann man entscheiden, was schrott ist und was man sich beim nächsten Mal sparen kann. Aber wieder: Das kann ein Profi, ich sicher nicht. Ich hoffe, das wird irgendwann :grin:

Hallo,

insgesamt kann ich dem hier gesagten im wesentlichen zustimmen. Ausnahmen bestätigen aber die Regel. Finde doch auch ich kaum noch Scherben, wenn dann meist kleinformatige mit wenig Aussagekraft. Doch vorletztes Jahr wurde an einer Stelle wieder tief gepflügt, da kam auf kleinstem Raum viel Material hoch. Dabei diese Scherben der Stichband- und Linienbandkeramik:

Aber auch ein Steinbeilfragment, Silex-Abschläge und diese unbeschädigte Feuersteinklinge:

Die Bedingungen waren zudem optimal, nach der Bodenbearbeitung war der Acker staubtrocken, dann kam ein Gewitter auf, mit erst starkem Wind und dann sintfutartigem Regen. Ich kam aus dem Bücken gar nicht raus.

Das hat aber auch eine Kehrseite. Die Befunde sind zerstört.
Als ich vor ca. 25 Jahren mit der ehrenamtlichen Suche anfing, wurde meine Arbeit geschätzt, da es Hinweise auf Bodendenkmale aufzeigte. Inzwischen ist man soweit, dass man eher davon ausgeht, dass die archäologischen Grabungen da erfolgversprechender sind, wo nichts oder nur wenig gefunden wurde. Da ist nicht so viel zerstört.
Dies Erfahrung beruht auf der archäologischen Begleitung von langen Trassen, die heute hier (Sachsen-Anhalt) generell archäologisch begleitet werden.

Viele Grüße

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Danke, Sven, für deine Ausführungen und die Bilder - sehr beeindruckend! Sicher, jede Medaille hat zwei Seiten, da sind wir uns sicher einig. Und da auch aufgrund mangelnder Ressourcen nicht mehr so viel gegraben wird (da liege ich doch richtig, oder? Ich weiß von der aus zuverlässiger Quelle, dass seit Covid auch sehr viele Grabungsfirmen aufgeben mussten), bleiben die Funde, wo sie sind. Vielleicht auch nicht schlecht. Es heißt ja immer, es wird für künftige Generationen etwas übrig gelassen. Ich denke, aber es, gibt auch in der Zukunft noch sehr viel zu entdecken, ohne dass man jetzt etwas “übriglassen” müsste :).

Liebe Grüße
Inez

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Hallo Inez,

also bei mir, in Sachsen-Anhalt wird nicht weniger gegraben, und, so weit ich weiß, nicht von privaten Firmen, sondern vom Landesamt. Aber mir ist bewusst, dass das leider nicht überall so ist.

Viele Grüße