Was passiert mit ausgegrabenen Leichenteilen?

Ich habe eben gelesen, daß man einen Friedhof mit 800 Gräbern ausgegraben hat. Ich frage mich, was passiert mit den Resten der Leichen, die man gefunden hat? Sie werden fotografiert und wissenschaftlich untersucht - und dann? Werden die Toten dann irgendwo für weitere Forschungen eingelagert, irgendwo bestattet, am Fundort wieder eingegraben oder wandern sie ganz einfach auf den Müll? - Mich würde das Thema mal ganz allgemein interessierten.

Hallo… Nur mal zur Klarstellung: es handelt sich bei den menschlichen Überresten, die man als Archäologe findet, nicht um “Leichen”… Die Körper sind in 99, 999 % der Fälle bereits skelettiert. Was mit den Knochen passiert, hängt ganz davon ab, welchen Ort zu welcher Zeit du ausgräbst… Ich habe schon mittelalterliche Knochen ausgegraben, die dann nach Dokumentation, anthropologischer und evtl. gerichtsmedizinischer Untersuchung wiederbestattet wurden; in vielen Fällen enden die Reste in einer Kiste im Keller eines Museums oder der Landesdenkmalpflege… Wenn es besonders interessante Bestattungen mit Grabbeigaben sind, könnten die Skelette in einem Museum ausgestellt werden… Und in islamischen Ländern zum Beispiel darfst du an Orten, wo sich ein islamischer Friedhof befindet, meist gar nicht erst graben… Ich gebe aber gern zu, dass 800 Skelette - v.a. wenn sie vollständig erhalten sind (selten der Fall) - einen ziemlichen logistischen Aufwand bedeuten und ziemlich viel Stauraum beanspruchen. :slight_smile: Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen Kubaba

Man könnte ja die mittelalterliche Praxis der Karner oder Beinhäuser dafür wieder aufleben lassen. Die Knochen wurden gesammelt und nach Größen sortiert, oft sogar zu Mustern gelegt, in den Karnern verstaut, sobald die Gräber aufgelassen waren. In den Meteoraklöstern sah ich sogar einmal ein Wandregal voller Schädel aus den aufgelassenen Gräbern der Mönche. Leider kommt man heute nicht mehr so automatisch an diese Aufbewahrungsorte heran. Die meisten sind nur noch zeitweise öffentlich zugänglich. Ich finde das aber eine Klasse Idee. Wenn man sich überlegt, dass dies Menschen uns oft nur um ein paar Jahrhunderte voraus haben, dann spürt man etwas von unserer unglaublichen Vergänglichkeit, die wir heute so gekonnt verdrängen.

Nun, es IST tatsächlich ein sehr grosses logistisches Problem… Warum jammern wohl sämtliche Denkmalpflegen und Landesämter über akuten Lagerplatzmangel? Die Knochen werden gelagert - erstens, dürfen die Ämter sie gar nicht wegwerfen, wie alle archäologischen Funde gehören auch Skelettteile “angemessen” gelagert. Ausserdem sollen die Funde für weitere Untersuchungen greifbar sein. Selten werden neuzeitliche Friedhofsfunde wieder der Kirche übergeben, die sie wieder einsegnet und dann in ihre Beinhäuser, bzw. -Gruben aufnimmt. Liebe Grüsse Emanuela

Hi, eine Einlagerung in Archiven ist ebenso möglich wie eine erneute Bestattung. So wurden die Gebeine, die bei Grabungen in Würzburg/Kiliansplatz gefunden wurden (darunter wohl auch die Überreste von Tilman Riemenschneider und Walther von der Vogelweide), nach Ende der Grabungen unter einem zentralen Kreuz auf dem Platz sekundär bestattet. Shalömle Saladin

Wirklich eine Schande für unsere augeklärte Welt, das die Gebeine noch unter einem grossen Kreuz begraben werden. Wozu ? Fröhnen wir noch christlichen Kulten ? Überhaupt ist es ein Wiederspruch in sich, Archäologe zu sein und dann noch an die Lehren des Christentums zu glauben.

also ich denke, daß tilman riemenschneider und walter von der vogelweide sich zu lebzeiten ein christliches begräbnis gewünscht haben, warum sollen sie es nicht bekommen? etwas anderes wäre es, wenn man die gebeine eines alten germanen oder römers ausgräbt, die mit dem christentum nichts am hut hatten.

Wieso ist das ein Widerspruch?

Der Widerspruch tut sich mir auch nicht wirklich kund… LG Emanuela

Mir ist der Widerspruch auch nicht klar. Man muss ja nicht an den Erzählungen der Bibel glauben, dass alle von Adam und Eva abstammen usw; Christentum ist doch mehr! Zum Beispiel der Glaube an das Leben nach dem Tod. Als Archäologe darf man doch trotzdem daran glauben.