Abschnitt 8: Materielle Besonderheiten im Fundinventar Karlshof Ollenbäke.
Sehr bemerkenswert scheinen mir zudem eine Reihe von mineralischen Besonderheiten zu sein, welche am Fundort Karlshof Ollenbäke auftraten. Leider hatte ich bislang keine Gelegenheit die Mohshärte dieser Mineralien zu ermitteln, sodass sich alle Angaben zu diesen Stücken nur unter größtem Vorbehalt machen lassen. Obwohl ich diese Fundstücke also nicht selbst in Augenschein genommen und getestet habe, möchte ich hier dennoch anhand der mir zur Verfügung gestellten Fotos einige Mutmaßungen zu ihrer Materialität und Provenienz anstellen, weil sich darüber auch einige Aussagen zur möglichen sozialen Interaktion der Angehörigen dieser Station mit Gruppen aus Lagerplätzen an anderen territorialen Standorten ableiten lassen.
Aufgefallen war mir zunächst einmal die ungewöhnliche materielle Beschaffenheit dieses von mir als rückengestumpftes Federmesser bezeichneten Objektes, welches aufgrund seiner Größe von immerhin 8 cm Länge sicherlich auch als Rückenspitze bezeichnet werden kann und vermutlich für die Bewehrung von Speeren verwendet wurde.
Anfangs glaubte ich hinsichtlich der ungewöhnlichen Materialität dieses Objektes einen verkieselten Süßwasserquarzit vorliegen zu haben, wie er etwa in Bonn-Muffendorf Steine & Scherben - Chalzedon auftritt, denn das Objekt scheint einen fossilen Pflanzenrest einzuschließen.(1) Während ein heller Kalkstein mit Sicherheit auszuschließen sein wird, weil er zu weich ist und sich in dieser Form nicht erhalten hätte, kommt hier zudem noch Basalt als Werkstoff in Betracht. Besalt Basalt - Eigenschaften, Verwendung und Entstehung ist ein sehr hartes magmatisches Gestein, das als Feldspat-Basalt eine Mohshärte von 6 bis 7 aufweist. Doch die Farbgebung von Basalt ist zumeist dunkel und reicht üblicherweise von schwarz und dunkelgrau über blau bis graublau. Andererseits kann Basalt aber auch in rötlicher und rötlich brauner, sowie in lichtgrauer Farbe mit gelben und hellfarbigen weißen Flecken auftreten, wie hier im Bild zu sehen. Dieser sehr hellfarbige, beige farbene Basalt ist jedoch relativ selten und findet sich in Deutschland nur an wenigen Fundplätzen, wie etwa in Mendig in der Eifel Steinbruchtage in Mendig. Da weder der hier in Frage stehende Süßwasserquarzit, noch der vulkanische Basalt im Gebiet von Ammerland und Ostfriesland anstehen, dürfte eine nähere Untersuchung dieses Fundstückes ganz klar zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei dem Werkstoff dieses Objektes um einen Import handelt. Diesen Schluss legen auch weitere Fundstücke nahe.
Ebenfalls sehr bemerkenswert ist unter den in Karlshof Ollenbäke gemachten Fundstücken zudem diese vulkanische, teils geschmolzene Gesteinsmasse von etwa 20 cm Länge. Sie ist im vorderen unteren Bereich mit einigen grünen Kristallen besetzt, welche hier vorläufig als Malachit oder Peridote angesprochen werden.
Auch hier kann schon bei erster Draufsicht bereits anhand eines Fotos festgestellt werden, dass vulkanische Gesteine dieser Art weder im Ammerland, noch sonst in Ostfriesland irgendwo natürlich anstehen oder vorkommen. Sollte es sich bei den grünen Kristallen um Malachit handeln, käme als mögliche Provenienz sicherlich zunächst einmal die Eifel in Betracht, denn der Steinbruch Caspar bei Ettringen, Kreis Mayen-Koblenz, ist für solche Malachit Vorkommen vulkanischen Ursprungs bekannt https://www.mindat.org/locentries.php?m=2550&p=16010. (2) Würde man die auf dieser kleinen vulkanischen Gesteinsmasse sitzenden Kristalle jedoch als Peridote oder Forsterite identifizieren, würde man deren Provenienz ebenfalls zunächst einmal in der Eifel zu suchen haben, etwa im Bereich des Bellerbergs bei Ettringen, oder in dessen Umgebung, beispielsweise am Emmelberg bei Üdersdorf, nahe Daun Steinbruch Emmelberg bei Üdersdorf nahe Daun, Vulkaneifel, Rheinland-Pfalz, (D) - Geo-Archiv. (3)
Schließlich sei hier unter den Besonderheiten, welche im Bereich der Fundstelle Karlshof Ollenbäke zu Tage kamen, noch das nachfolgende Objekt vorgestellt, welches ich als Kielkratzer bezeichne. Das bemerkenswerte an diesem Objekt ist zunächst einmal der Umstand, dass sich diese Kerne noch zur Zeit von Schwabedissen im Nordwesten Europas nicht nachweisen ließen.(4) Sollten wir hier also einen Kielkratzer vorliegen haben, so wäre dieses Werkstück schon seiner Typologie nach für den Nordwesten Deutschlands ein Novum.
Zunächst einmal war gar nicht erkennbar, dass es sich bei diesem Fundstück um einen zur späteren Materialgewinnung vorbereiteten Klingenkern handeln könnte.
Das besondere wird zudem auch in seiner Materialität zu suchen sein, denn der Werkstoff, aus dem dieses Fundstück besteht, ist vermutlich Chalzedon, ein Werkstoff, der weder im Ammerland, noch sonst irgendwo in Ostfriesland ansteht. Chalzedon ist ein vulkanisches Glas mit einer Mohshärte von 6,5 bis 7 und kommt insbesondere im Rheinland vor. Seine Farbgebung variiert und kann schwarz oder grün sein, ist aber zumeist braun und weist einen wachsartigen Glanz auf. Chalzedon wurde insbesondere von den spätpaläolithischen Federmesser-Gruppen zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen verwendet. Eines seiner wichtigsten Vorkommen konnte bei Bonn in Muffendorf nachgewiesen werden https://alt.muffendorf.info/geschichte/vorgeschichte.htm. (5)
Hier ist der typische, wachsartige Glanz des in Karlshof Ollenbäke zu Tage getretenen Fundstückes aus Chalzedon nochmals sehr schön gezeigt. Dass es sich bei diesem mutmaßlichen Kielkratzer um einen Klingenkern handeln dürfte, zeigen auch die folgenden beiden Aufnahmen :
Sowie von seiner Basis her gesehen :
Wir verfügen unter anderem über eine 2015 von Baales und Koch erstellte, sehr genaue Beschreibung eines solchen als Kielkratzer identifizierten Klingenkerns aus dem Muffendorfer Marienforst: “Das 5,3 cm lange … Stück besteht aus einem leicht weißlich patinierten, graubraun durchscheinenden Chalzedon mit gelblicher Primärrinde. … Bei der Grundform [des als Kielkratzer bezeichneten Halbfabrikates] handelt es sich um einen Abschlag von gestreckter Form bei gleichzeitig beträchtlicher Dicke, sowie deutlichen Bearbeitungen an den Längskanten und einer Schmalseite. Letztere entsprechen formal einer Kratzerkappe, deren zusammenlaufende Negative von schmalen, lamellenartigen Abhüben deutlich auf das Stück hinaufreichen. Als Schlagfläche für diese Abhübe diente ein auf der Spalt- oder Ventralfläche der Grundform angebrachtes kleines Abschlagsnegativ, das an der erwähnten Schmalseite angelegt worden war, um so einen günstigen Schlagwinkel für die folgende Bearbeitung zu erreichen. Derartige Steinartefakte werden als “Kielkratzer” bezeichnet, obwohl es keine Geräte, z.B. zur Fellbearbeitung, waren, sondern Kerne zur Gewinnung von Lamellen. Die starke Bearbeitung der Längskanten diente der Breitenkontrolle der Lamellen-Abbaufläche.” (6) Der ebendort in Abbildung 2 dazu gezeigte Kielkratzer weist in seiner Farbe zwar ein dunkleres Braun auf, entspricht seiner Morphologie und Größe nach aber dem in Karlshof Ollenbäke zutage getretenen Exemplar.
Wilde Möhre und ich kamen an dieser Stelle übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Materialien wie der in Karlshof Ollenbäke zutage getretene Basalt, aber auch Malachit und vulkanisches Glas wie Chalzedon, sowie vulkanische Gesteine überhaupt, im Landkreis Ammerland nicht lokal anstehen und auch die Ostfriesische Halbinsel als Ganze keine Vorkommen dieser Art kennt. Demnach werden diese Werkstoffe also dereinst eingeführt worden sein. Das Ursprungsgebiet dieser Importe könnte sich wie gezeigt im Gebiet des Neuwieder Beckens und der angrenzenden Eifel befinden. Ich habe daher einen chronologischen Abgleich der in diesen Gebieten im Rheinland identifizierten Fundorte der Federmesser-Gruppen mit jenen der im norddeutschen und niederländischen Flachland nachgewiesenen Fundplätze vorgenommen und dazu folgende Datierungen ermitteln können :
Martin Street datierte in Zusammenarbeit mit Michael Baales und Bernhard Weninger (1994) den Beginn des Alleröd nach Menke (1983) recht genau in die Zeit ca. 11.750 cal. BC. (7) Auf den Ausbruch des Laacher-See Vulkans ca. 11.066 v. Chr. Ausbruch des Laacher-See-Vulkans neu datiert | Nachricht @ Archäologie Online folgte zunächst eine Fundlücke. Für die Zeit ab ca. 10.467 cal. BC lassen sich die Federmesser-Gruppen dann erneut im Neuwieder Becken nachweisen, und zwar für den Fundort Gönnersdorf, sowie ab ca. 10.350 cal. BC für Andernach, wo unter anderem auch die für diese typischen Mullusken-Schalen auftraten. Verstärkt traten die Federmesser-Gruppen dann in der jüngeren Dryas auf und ließen sich für die Jahre ab ca. 9.690 cal. BC in Miesenheim bzw. ca. 9.400 cal. BC dann am Fundplatz Urbar, sowie ab ca. 9.160 cal. BC dann in Niederbieber nachweisen.(8)
Vergleichbar damit scheinen die bereits 1957 von Schwabedissen, Münnich, Schütrumpf und De Vries für das Norddeutsche und Niederländische Tiefland ermittelten Datierungen zu sein. Karl Otto Münnich datierte den Fundplatz Rissen in die Zeit ca. 9.600 bis 9.500 cal. BC. Hessel de Vries ermittelte für den Fundort Usselo in der Provinz Overijssel eine Datierung ca. 9.605 bis 9.105 cal. BC. Die von Schwabedissen veranlasste pollenanalytische 14-C Untersuchung zu Fundplätzen der Tjonger-Gruppe wurde von Rudolf Schütrumpf durchgeführt und brachte Datierungen für die Zeit ca. 9.500 bis 9.000 cal. BC. (9) Schwabedissen suchte seine 1957 veröffentlichten Ergebnisse ausdrücklich in Beziehung zu den im Neuwieder Becken entdeckten Stationen der Federmesser-Gruppen des ausgehenden Magdalénien zu stellen. Ich selbst nehme an, dass der Fundplatz Karlshof Ollenbäke nicht nur in diese Zeit des Übergangs von der Jüngeren Dryas zum Präboreal gehört, sondern aufgrund seiner importierten, ortsfremden Werkstoffe, zudem auch genau diesen Zusammenhang möglicherweise sehr eindrücklich demonstrieren könnte.
Quellenangaben:
(1) Harald Floss: Rohmaterialversorgung im Paläolithikum des Mittelrheingebietes, Dissertation Köln 1990. Abstract in: Archäologische Informationen/Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, Band 14, Heft 1, Bonn 1991, S. 113–117 Rohmaterialversorgung im Paläolithikum des Mittelrheingebietes | Archäologische Informationen.
(2) Gerhard Hentschel: Die Mineralien der Eifelvulkane, Lapis Monographie, Band 15, München 1983, S. 9–36.
(3) McSchuerf: Emmelberg. In: Mineralienatlas – Lexikon Bitte warten .../ Please wait ....
(4) Hermann Schwabedissen: Zur Auswertung steinzeitlicher Oberflächenfundplätze: Federmesser-Zivilisation und Mesolithikum. In: Quaternary science journal, Vol. 6, Göttingen 1955, S. 159-169, hier insb. S. 166 EGQSJ - Zur Auswertung steinzeitlicher Oberflächenfundplätze: Federmesser – Zivilisation und Mesolithikum.
(5) Michael Baales, Ingrid Koch: Ein lohnender Besuch in Muffendorf – neue mittel- und jungpaläolithische Chalzedon-Artefakte aus dem Rheinland. In: Archäologie im Rheinland, Darmstadt 2015, S. 67–69 (PDF) Baales & Koch 2016 - Ein lohnender Besuch in Muffendorf - neue mittel- und jungpaläolithische Chalzedonartefakte aus dem Rheinland - AiR.
(6) Michael Baales, Ingrid Koch: Ein lohnender Besuch in Muffendorf – neue mittel- und jungpaläolithische Chalzedon-Artefakte aus dem Rheinland. In: Ebenda, S. 67–68 u. Abb. 2 (Kielkratzer).
(7) Klaus Bokelmann, Dirk Heinrich, Burchard Menke: Fundplätze des Spätglazials am Hainholz-Esinger Moor, Kreis Pinneberg. In: Offa, Band 40, Neumünster 1983, S. 199–239 https://www.researchgate.net/publication/329184550_Fundplatze_der_Spatglazials_am_Hainholz-Esinger_Moor_Kreis_Pinneberg_by_Bokelmann_Mencke_and_Heinrich.
(8) Martin Street, Michael Baales, Bernhard Weninger: Absolute Chronologie des späten Paläolithikums und Frühmesolithikums im nördlichen Rheinland. In: Archäologisches Korrespondenzblatt, 24. Jahrgang, Mainz 1994, S. 1–28, insb. S. 4–6, Tabelle 1 (Zusammenstellung der 14-C Daten und ihrer Grundlage samt Labornummern) (PDF) Street et al. 1994 – Absolute Chronologie des späten Paläolithikums und des Frühmesolithikums im nördlichen Rheinland – AK.
Siehe dazu: Karl Brunnacker: Geowissenschaftliche Untersuchungen in Gönnersdorf. In: Gerhard Bosinski: Der Magdalénien-Fundplatz Gönnersdorf, Band 4, Wiesbaden & Stuttgart 1978, S. 44–45 (Tabelle).
(9) Hermann Schwabedissen: Das Alter der Federmesserzivilisation auf Grund neuer naturwissenschaftlicher Unterlagen. Mit Beiträgen von R. Schütrumpf und K.O. Münnich. In: Eiszeitalter und Gegenwart, Band 8, Öhringen 1957, S. 200–209 https://e-docs.geo-leo.de/server/api/core/bitstreams/33abb872-b41c-4d97-92eb-2943012ca25f/content.
Siehe dazu: Hermann Schwabedissen: Die Federmesser-Gruppen des nordwesteuropäischen Flachlandes. Zur Ausbreitunng des Spät-Magdalenien. In: Offa-Bücher, Band 9, Neumünster 1954.