Guten Morgen,
jetzt habe ich mich noch sehr ausgiebig mit diesem Stück beschäftigt und kam zum Entschluss, dass es sich um ein Artefakt handelt. Erinnerung: es ging um dieses Stück
StoneMan ich verstehe die deine Skepsis auf Grund meiner Fotos nun viel besser.
Wenn man das Stück aber dreidimensional in der Hand hält, sieht man gut, dass es sich um echte Merkmale handelt:
1. Das Vorhandensein eines perfekten Schlagkonus (Hertz’scher Kegel)
Direkt an der obersten Spitze des rot eingerahmten Dreiecks (planer SFR) befindet sich ein trichterförmiger, schalenartig nach innen verlaufender Bruch (der Schlagkonus). Ein solcher kegelförmiger Teilbruch entsteht in Flint ausschließlich durch punktuellen, hochenergetischen Druck – hier durch den Aufprall eines harten Schlagsteins (direkte harte Schlagtechnik).
Ein natürlicher Frost- oder Wasserbruch erzeugt niemals einen so isolierten, perfekten Schlagkegel exakt an einer geometrischen Kante.
2. Die plane Charakteristik der Plattform: Die dreieckige Fläche selbst ist vollkommen eben und unmodifiziert (eine plane Plattform).
Sie ist die Oberseite des Kernsteins vor dem Abschlag. Der Steinschläger hat eine bereits existierende Spaltfläche als Schlagbahn genutzt. Im harten Tageslicht zeigt sich, dass diese Fläche spiegelglatt und hochhomogen ist.
Der scharfe, saubere Übergang zur kalkigen Gesteinsrinde (Cortex) auf der linken Flanke beweist zudem, dass diese Dreiecksfläche die künstliche Oberseite des ehemaligen Kernsteins war.
3. Der direkte Bezug zum Bulbus (Ventralfläche): Der Schlagflächenrest steht in einem perfekten technologischen Bezug zu den Merkmalen schräg darüber. Schlagfläche, Schlagpunkt und die ventralen Merkmale (Bulbus, Wellen, Fissuren) bilden eine logische Einheit. Bei diesem Stück fließen alle mechanischen Wellen schräg aus diesem Dreieck heraus.
Quelle: Joachim Hahn (1993): „Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie“ (Archaeologica Venatoria, Tübingen).
Hahn (1993) : der trichterförmig nach innen verlaufende Schlagkonus am äußersten Rand der Plattform das unumstößliche Kennzeichen für den punktförmigen Impakt eines harten Schlägels (harte direkte Schlagtechnik). Da alles fließend aus diesem ebenen Dreieck austritt, ist die Dreiecksfläche technologisch ein vollwertiger, planer Schlagflächenrest.
Komisch fand ich, dass der Bulbus (B) nicht mittig über der Dreiecksspitze sitzt. Dafür habe ich eine Erklärung gefunden:
Technologisch ist das perfekt durch einen schrägen Schlagwinkel (Impact-Winkel) bei der harten direkten Schlagtechnik zu erklären, wie ihn Hahn (1993) beschreibt:
Der Schlag traf exakt den Schlagkegel an der proximalen Spitze (grüner Kreis). Durch die diagonale Dynamik des Schlages leitet sich die Energie schräg nach rechts oben ab, wo sich der Bulbus (B) asymmetrisch, aber physikalisch vollkommen folgerichtig ausgeprägt hat.
Gerade diese asymmetrische, gerichtete Kraftlinie ist ein exzellenter Beleg für einen gezielten menschlichen Hieb.
Joachim Hahn beschreibt diese mechanischen Zusammenhänge in seinem Buch „Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten“ im zentralen Kapitel 3 („Grundformen“) im Abschnitt zu den Schlagmerkmalen. In der 2. Auflage 1993 ist das der Bereich um die Seiten 45 bis 55. Er benutzt dort zwar nicht das moderne englische Wort „Impact-Winkel“, sondern erklärt auf gut Deutsch die Begriffe Schlagwinkel, Schlagrichtung (Abbaurichtung) und Ausbreitungsrichtung der Energie. Hahn schlüsselt die asymmetrische Entstehung dort genau über zwei Punkte auf:
Der Schlagwinkel (Winkel der Schlagfläche zum Kern): Er beschreibt, dass der Winkel, in dem der Schlägel auf die Plattform trifft, die Flugbahn der Energie im Stein bestimmt. Wenn dieser Winkel nicht exakt senkrecht ist, bricht die Schockwelle asymmetrisch aus.
Die Entstehung von Radialstrahlen und Fissuren: Hahn erklärt, dass sich die Energie fächer- oder strahlenförmig vom Schlagpunkt ausbreitet.
Wenn die Wucht schräg eingeleitet wird, wandern diese Linien diagonal durch das Gestein und der maximale Druckpunkt – der Bulbus – verschiebt sich logischerweise dorthin, wo die Hauptwelle der Energie im Gesteinskörper kollidiert.
Diese feinen Fissuren (blaue Linien im letzten Bild) sowohl unten links als auch oben rechts:
Nach Joachim Hahn gilt, Wallner-Linien (die Wellen) zeigen an, dass eine Schockwelle durch den Stein ging, doch das kann rein theoretisch auch durch natürliche Steinschlag passieren.
Die Fissuren hingegen zeigen an, woher die Wucht kam und wie sie gelenkt wurde.Bei diesem Stein fließen die Fissuren unten links und oben rechts zum Schlagkegel. Sie beweisen, dass hier ein gezielter Schlag an einem einzigen Punkt (dem Kegel) eine Kettenreaktion im Gestein ausgelöst hat.
@ Shard dazu passt auch die große Narbe:
Wenn der harte Schlagstein den Flint trifft, entsteht eine enorme Druckwelle. Durch den schrägen Einschlag wird das Gestein direkt unter dem Treffpunkt extrem gestaucht. Auf dem entstehenden Schlagbuckel (Bulbus) baut sich dadurch so viel Spannung auf, dass sich eine sehr markante, flache Linse aus Glas (die Bulbusnarbe) diagonal zur Fließrichtung der Energie abspaltet.Warum das für die Technik spricht: Große, deutlich ausgeprägte und schräg verlaufende Bulbusnarben sind ein Standardmerkmal der harten direkten Schlagtechnik.
Bei einer weicheeren Schlagtechnik (z. B. mit einem Schlägel aus Holz oder Hirschgeweih) wird die Energie viel sanfter abgegeben; dabei entstehen solche großen, tiefen Narben fast nie.
Noch ein Beweis für ein Artefakt:
Diese gezielte Retuschierung oberhalb der grünen Linie:Direkt an den grün markierten Bereichen brechen winzige, super-regelmäßige Negative (Absplisse) nur in eine einzige Richtung (zur Oberseite hin) weg.
Sie bilden eine feine, rasiermesserscharfe Sägekante. In der Natur (durch Frost oder Wasser) splittern Kanten immer unregelmäßig nach oben und unten ab (Zickzack-Muster). Diese strikte Einseitigkeit gibt es nur durch kontrollierten, menschlichen Druck.
Die geschützten Spitzen (Rote Winkel): Durch das gezielte Wegschlagen des Materials links und rechts wurden die beiden kleinen, markanten Spitzen (Nasen) ganz bewusst herausgearbeitet und stehen gelassen.
Sie dienten wahrscheinlich für feinste Ritzarbeiten in Knochen oder Geweih, während die Sägekante daneben zum Schneiden genutzt wurde.
Die hellbraunen Flecken (gelbe Punkte) waren für mich und wurden versehentlich nicht gelöscht. Also keinerlei Bedeutung hier.
Fazit:
Hier liegt meiner Meinung nach nicht Abschlag vor, sondern ein fertig modifiziertes Werkzeug, ein sogenannter gezähnter Abschlag oder Zinken.








