Atuatuca Tungrorum (Tongeren) hatten wir ja schon, aber weiter ging es Belgien bislang nicht. Jetzt las ich beim belgischen Historiker Adriaan Verhulst, dass auch Antwerpen und Namur eine dunkle römische Vergangenheit hätten. Diese beiden Städte liegen, ganz typisch für römische Gründungen, am Zusammenfluss zweier Flüsse.
Also, diesmal wegen mangelnder zeitlicher Absicherung etwas spekulativ und eher inoffiziell, der aktuelle Stand meiner Arbeitskarte:
da gibt es ja die abstrusesten Verschwörungstheorie. Ptolemäus soll danach seine seine Koordinaten absichtlich gefälscht haben und über einen Code könnte man das richtigstellen.
Geognost
Allerdings drängt sich zumindest die Vermutung auf, dass es schon vor der vermuteten Meridianmessung genaue Daten gegeben haben muss. Denn wie hätte man sonst mit Nizza (Cimiez) den einzig sinnvollen Ausgangspunkt wählen können?
Nun, dass könnte man auch “Zirkelschluss” nennen !
Ich habe ja zu Beginn der Diskussion darauf hingewiesen, dass man Längen und Breiten auf einer Karte braucht, um eine brauchbare Vermessung durchzuführen. Selbst das war aber bei den Entfernungen und damaligen Messinstrumenten ziemlich zeitaufwändig. Ganz zu schweigen von der Mondvermessung. Ich habe hier mal eine “Anleitung” verlinkt, damit sich jeder mal ein Bild davon machen kann.
Dazu bemerkt Ptolemäus in Geographice Hyphegesis 1 Kap.4
Seite :126
ZITAT:
»Dagegen sind die meisten Entfernungen und ganz besonders die nach Osten oder Westen recht ungenau überliefert, nicht aus Leichtfertigkeit derjenigen, die sich mit deren Erforschung befassten, sondern deswegen, weil die auf astronomischer Beobachtung beruhende Berechnung noch nicht geläufig war und weil man sich noch nicht die Mühe machte, häufiger Mondfinsternisse aufzuzeichnen, die zum selben Zeitpunkt an verschiedenen Orten beobachtet wurden – wie diejenige, die in Arbela zur fünften Nachtstunde, in Karthago dagegen zur zweiten Nachtstunde eintrat: Daraus würde sich ergeben, wie viele Äquatorialgrade nach Osten oder Westen die Orte voneinander entfernt sind.« ENDE
Für eine Längenlinie, auf der ich von Süd nach Nord Stationen bestimmen will, brauche ich also jeweils einen zeitlichen Fixpunkt und weil das besonders in der Antige so schwierig war, wurde das wohl nur rein theoretisch nachvollzogen.
Deine Vergleiche mit Strassen und Kanälen hinkt da gewaltig. Wurde aber schon durchdiskutiert bis zur Via Appia.
Geognost
Jetzt musste ich feststellen, dass mir bislang entgangen war, dass unser Meridian sehr genau zwischen der Passhöhe des Col de Saverne (Römerstraße Metz–Strasbourg) und der römischen Station Usspann liegt.
Die Station liegt mitten in einem “keltischen” Opendium mit Wall und Mauern, welches noch lange zur Römerzeit bewohnt war.
Die Frage ist auch hier, ob man an “passender” Stelle eine Raststation mit Pferdewechsel etabliert hat, oder einen “Meridianen-Punkt”
Das Oppidum hat drei Gipfel, den Barbarakopf, den Bärenkupfel und den Koepfel, die nach Süden durch einen weiteren Vogesengipfel, den Kaestenberg E 1, verlängert werden .
ZITAT
Der südliche Teil der Festung wurde weniger überarbeitet als die westliche Fassade, da letztere der lothringischen Hochebene zugewandt und daher gegen Invasionen geschützt ist, während die Seitenteile des Oppidums einen steilen Abhang zweier tiefer Täler überblicken. An einem Ort namens Usspann (wörtlich “Kupplung entfernen oder wechseln” auf Elsässisch), der die Höhe des Passes mit 413 m angibt, 19 Archäologen haben ein römisches Gebäude gefunden, von dem sich alle einig sind, dass es eine Relaisstation war, um sich auf den gefährlichen Abstieg von der Küste vorzubereiten, oder umgekehrt, um sich von einem anstrengenden Aufstieg zu erholen. ENDE
Übrigens findet man in ganz Deutschland Hotels und Gaststätten die sich Utspann, Usspann oder Ausspann nennen. Sind wohl frühere Poststationen gewesen.
Geognost
Aber war die Tradition der genialen griechischen Naturforscher im späten 1. vorchristlichen Jahrhundert tatsächlich schon verloren?
Naja, Ptolomäus scheint da was verpasst zu haben !? Obwohl er auf vorherige Geographen zurückgriff.
Geognost
Ich bin geneigt zu vermuten, dass wir hier in augusteischer Zeit einen letzten Höhepunkt der griechischen Besessenheit für die angewandte Geometrie (wörtlich: “Erdmessung”), oder wie wir heute sagen, Geodäsie, erleben.
Außer ein paar Weltkarten berichtet leider kein Zeitzeuge etwas darüber, aber viele theoretisierten z.Bsp. über die Längenvermessung bei Mondfinsternissen.
Irgend ein Monument mit Markierung, wie Hugin und meine Wenigkeit schon angemerkt haben, hätte doch wenigsten, wenn nicht in natura, in Reiseberichten oder Itinerarien mal Erwähnung gefunden.
Übrigens soll man in einem Arsenal der Türkei eine ältere Auflage nach den Vorgaben des Ptolomäus mit Karten auf Ziegenhaut entdeckt haben. Über die Untersuchung gibt es auch ein Buch. Ich habe nur den Link nicht zur Hand. Suche ihn aber noch !
Danke für den Link zum Oppidum — den Freiherrn von der Trenck (wer erinnert sich noch an die TV-Serie mit Mathias Habich in der Titelrolle?) hätte ich hier nicht vermutet!
Dass bei Ptolemäus datentechnisch einiges faul ist, hatte schon Tycho Brahe angeprangert. Vielleicht war der Alexandriner aber einfach nur schlecht informiert über die militärischen Geheimnisse der nahen Vergangenheit.
Dass seine Veröffentlichungen gezielt der Desinformation gedient haben könnten (oder er einfach ein Crackpot war, der sich anderer Leute Daten zusammenbastelte um etwas zu ‘beweisen’) sollte man auch nicht ausschließen. Warum ist sein Erdumfang so absurd klein, obwohl schon Eratosthenes viel näher dran war?
Vom 10°-Meridian Cimiez—Baltrum dürfte Eratosthenes nur geträumt haben — aber der war halt nur Privatier und hatte keine Weltmacht im Rücken, deren Kaiser ausdrücklich auf die Vermessung der Oikumene drängte.
ich verstehe die Diskussion irgendwie nicht. Das ist doch so als ob ich in einen Wald gehe und mir dann drei Bäume im perfekten rechten Winkel raus suche und dann zur Diskussion Stelle ob Bäume zur Mathematik in der Lage sind.
Ich meine, das waren doch etliche Siedlungsgründungen, da kann man zwangsläufig irgendwo irgendwelche geometrische Formen rein legen.
Ganz zu schweigen davon, dass es keinerlei Nutzen hat eine Siedlung nach solchen Kriterien zu gründen. Es gibt schon genug Kriterien die für einen Standort wichtig sind, da muss man die wenigen passenden Standorte nicht noch reduzieren weil man eine gewisse Geometrie erzielen möchte.
der Unterschied zum Wald ist, dass wir es mit einer überschaubaren Anzahl von Stützpunkten zu tun haben, die im Rahmen der einigermaßen gut dokumentierten und erforschten Germanienfeldzüge angelegt worden waren.
In Germanien gab es offenbar weitestgehend nur unbedeutende Dörfer, einzig im heutigen Hessen scheinen sich einige ursprünglich keltische Oppida bis zur römischen Invasion unter Augustus gehalten zu haben. Wie zuvor in Gallien wurden diese Höhensiedlungen zerstört und der überlebenden Bevölkerung andere Wohnstätten zugewiesen (in definierten Siedlungen im Tal, wo man sie im Auge hatte).
Ein bekanntes Beispiel ist das Oppidum auf dem Dünsberg, nur wenige Kilometer von der römischen Stadtgründung Waldgirmes (im Lahntal) entfernt.
Über die Bewohner der Ringwallanlage und des oppidum wird in der Forschung diskutiert. Aufgrund numismatischer Untersuchungen an Fundmünzen, insbesondere der Entwicklung der Prägungen vom Typ „Tanzendes Männlein“ wird eine Wanderung der Dünsbergbevölkerung in den Kölner Raum im 3. Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts v. Chr. angenommen.[4] Diese Migrationsbewegung korrespondiert mit der Stammesgeschichte der Ubier, so dass der Dünsberg von der Forschung als Zentralort der Ubier angesehen wird[5] bevor diese 19/18 v. Chr. durch Agrippa ins Rheinland umgesiedelt wurden. Bezeichnend ist, dass die Münzreihe des vermutlich am Dünsberg geprägten „Tanzenden Männleins“ um 20 v. Chr. auf dem Oppidum abreißt. Jüngere Prägungen finden sich nun bis nach der Zeitenwende mit leichten Abweichungen des Motivs und teils abnehmender Prägequalität im Rheinland, in den Lippelagern und in der Fundstelle Waldgirmes.[6]
(Auch von den Helvetiern ist überliefert, dass ihnen nach der verlorenen Schlacht von Bibracte von den Römern befohlen wurde, wo sie zu siedeln hatten.)
Jedenfalls werden von der Forschung vor allem Waldgirmes aber auch Haltern und Anreppen als römische Siedlungsgründungen auf grüner Wiese angesehen. Westlich des Rheins lässt sich kaum etwas beweisen, aber in der Germania Magna sehen wir zu 100% römische Planung — belegt durch archäologische Befunde, die sogar die Unterscheidung der Drususphase bis 9 BCE von der späteren Entwicklung bis 16 CE erlauben.
Dieses Argument ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Aber können wir etwa ausschließen, dass ein sich als göttlich darstellender Augustus das Bestreben hatte, die neuen Provinzen von vornherein in göttlicher Perfektion zu planen? Das griechische Know-How dafür war noch vorhanden und wurde sehr wahrscheinlich schon von Julius Cäsar genutzt.
Wenn wir rezent denken, müssten wir auch fragen welchen Nutzen der immense Aufwand Pyramiden oder gotische Dome zu bauen gehabt hat.
Spaß beiseite. Was ich damit zeigen will, du kannst überall eine geometrische Form reinlegen und versuchen da etwas rein zu interpretieren. Selbst wenn du nur wenige Punkte hast. Wenn die römischen Stützpunkte anders lägen, dann würden vielleicht Quadrate oder Kreise passen.
Du versuchst in dem Fall die Römer an deine Theorie anzupassen. Und das klappt einfach nicht.
Die Pyramiden sind auch ein schlechtes Beispiel. Da gibt es genügend Indizien warum man sie gebaut hat. Passender ist das Beispiel wenn man behauptet die Ägypter hätten schon die Zahl pi gekannt und damit die Pyramiden gebaut (Entschuldigung falls ich damit jemanden angreifen). Das kann man sehr wohl anzweifeln.
Schau dir bitte mal die nach derzeitigem Befund ersten vier Lager im Bereich Niederrhein-Lippe-Ruhr an (siehe Kartenauschnitt). Diese Lager wurden sehr wahrscheinlich innerhalb von nur zwei bis drei Jahren angelegt, zwischen 13 und 11 BCE.
Wollen wir wirklich annehmen, dieses wunderschöne Dreieck mit Katheten im perfekten Verhältnis von 1:2 sei genauso Zufall wie die identischen Distanzen zwischen Holsterhausen und Vetera, bzw. Asciburgium?
(Man sieht hier sehr schön, warum keines der Lager von Holsterhausen auf dem geometrischen Idealpunkt liegt: dort fließt die damals noch nicht kanalisierte Lippe. — Es wurden also offenbar durchaus praktische Kompromisse gemacht.)
jetzt fängst du an lustig zu werden.
Was ist denn bei diesem Dreieck der geometrische Idealpunkt ?
Ich sehe in den ganzen Dreiecken kein “System” und andere hier wohl auch nicht.
Wenn es sich wenigstens um eine Ost-West-Breitenlinie handeln würde, dann könnte man das ja noch verstehen.
Deine ganze These ergibt nur Sinn, wenn die Römer ein Netz von Längen-u.Breitengrade gehabt und damit maßstabgetreue Karten gezeichnet hätten.
Da wären wir wieder bei Ptolemäus. Konnte man die vorausgegangenen “griechisch-römischen” Meridianen wirklich in ein paar Jahrzehnten vergessen ? Deine “Geheimniskrämerei” seitens des Militärs lasse ich bestenfalls für den besagten Raum gelten. Cäsar wie Augustus ließen aber das “ganze” Reich vermessen. Warum wußte Ptolemäus nichts davon ? Auch keiner der anderen Geographen und Historiker berichtet etwas vom Kordinatennetz.
Alle fabulieren nur von der “Möglichkeit” über die Mondfinsternis eine Meridiane festzulegen. Von den Geographen die darüber theoretisieren hat es bestimmt noch keiner versucht.
Es nutzt mir doch nichts, wenn ich in Ostfriesland stehe und das Glück habe, dass eine Mondfinsternis stattfindet, das ich weiß wieviel Grad zwischen A und B liegen. A müßte z.Bsp. bereits ein markierter Meridianenpunkt sein, den ich auch auf dem Breitengrad in Aosta zur Verfügung hatte.
Die Vorgehensweise ist mir ohnehin schleierhaft. Jedenfalls sind erhebliche Vorbereitungen notwendig, um mit dieser Methode eine Nord-Südlinie festzulegen.
Bei den Verschwörungstheoretikern wird der militärische Druck auf Ptolemäus genannt und bei dir muß jetzt die arme Lippe noch herhalten !
Bezüglich Ptolemäus kann man für dieses Gebiet annehmen, dass, bevor eine Vermessung stattfand, die Varusschlacht dazwischen kam und er eben die Lippe und andere Flüsse wie auch die aufgegebenen Stützpunkte nicht auf dem Schirm hatte. Warum hätte er also seine ganzen Meridianen absichtlich verzerren sollen ? Warum zeichnete er Ems bis Elbe nebst Orten ein, die ja auch von den Römern für ihre Vormärsche genutzt wurden. Eigentlich hätte “Magna-Germania” dann ein “Schwarzer” Landstrich sein müssen oder geht die Verschwörung soweit, dass dort alles *“fiktive”*Orte eingetragen wurden ?
Das gibt doch alles keinen Sinn. Die Römer vermessen unter Augustus das Reich nach einem Koordinatensystem und halten das aus “militärischen” Gründen geheim. Die Reiseberichte und Itinerarien hätten auch jedem Feind die Lage von Köln und die Entfernung nach Düsseldorf verraten.
Ich bin gerade dabei mich mal mit überlieferten Erdeinteilungen zu beschäftigen und der ominösen Papyruskarte von Spanien.
Ich denke du machst etwas das oftmals Wissenschaftlern passiert. Du fokussiert auf Daten die deine These stützen (die geometrische Lage) und machst Daten die der These entgegen stehen (technische Möglichkeiten der Römer, fehlende Belege über Vermessungen, Sinnhaftigkeit wegen Versorgbarkeit oder strategischer Position des Stützpunktes,…) klein oder ignorierst sie ganz. Dadurch machst du dir ein sehr einseitiges Bild, das deine These stützt und nicht widerlegen kann.
Und ja, solche Zufälle gibt es. Man denke hierbei nur einmal an das Gesicht auf dem Mars. Oder Geometrische Steine, die hier im Forum immer wieder als vermeintliche Artefakte auftauchen.
Damit meine ich den gleichweit von V und A entfernten Punkt, der auf der Linie VO liegt.
Vorsicht: Breitengrade sind mit Ausnahme des Äquators keine Großkreise, während es sich bei den Linien in meinen Karten ausschließlich um Großkreissegmente handelt, der Unterschied im kleineren Maßstab in der Darstellung aber kaum ins Gewicht fällt.
[Daher entspricht zum Beispiel eine 1 Meridiangrad weite nicht streng Nord-Süd verlaufende Linie nicht der entsprechenden Längendifferenz im Gradnetz, die nach Norden hin immer kleiner wird!]
Lager, die auf dem nahezu gleichen Breitengrad liegen sind an der Lippe erst in der zweiten Phase der Feldzüge nachweisbar (Haltern—Anreppen). Weiter südlich dagegen findet man solche auch schon in der Drususphase (Koblenz—Rödgen).
Dass Holsterhausen auf dem selben Längengrad wie das antike Köln liegt, beeindruckt dich gar nicht? Die Südost-Ecke des Hauptlagers liegt exakt auf der Länge Wallraffplatz/Hohe Straße.
Ganz vergessen bzw. der Öffentlichkeit unbekannt war das System zu Ptolemäus’ Zeiten ja offensichtlich nicht — nur sind seine Daten irgendwie faul. Ein Grund dafür könnte sein, dass er den zu kleinen Erdumfang des Posidonius annimmt und dann versucht, die ihm zur Verfügung stehenden (korrekten) Daten mit Gewalt in sein Modell einzupassen. Oder die Kopisten haben die Daten korrumpiert, oder oder.
Ohne Frage. Aber man hätte einige Jahre Zeit gehabt und alle Mittel der Welt.
Aber wie kommst du etwa von Köln nach Barkhausen oder nach Hedemünden, wenn es in der Magna Germania noch keine Meilensteine gibt und auch keine geben wird, von Itinerarien ganz zu schweigen?
Und ich vertiefe mich gerade in Gallien. Einige saubere (für antike Menschen leicht zu berechnende) gleichschenklige Dreiecke zwischen römischen Gründungen kann ich schon präsentieren:
1 : 2 : 2 Arlon—Chalons-en-Champagne—Metz
2 : 3 : 3 Arras—Bavay—Soissons
7 : 8 : 8 Sens—Toul—Beaune
Zum Vergleich diese kleine Auswahl aus der Germania Magna (Drususphase) :
Wo siehst du denn ein Problem mit den technischen Möglichkeiten der Römer?
Eine Strecke von 27.7 km im totalen Flachland als Basis(viertel)meridian zu vermessen (wie es auch die Geodäten vor 200 Jahren taten)?
Einen rechten Winkel zu konstruieren??
Zu wissen, wie lang die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks mit den Katheten 1 und 2 zu sein hat?
Die entsprechenden anderen Winkel zu berechnen/konstruieren?
Signaltürme zu errichten, die wie im Fall Vetera—Asciburgium über knapp 30 km angepeilt werden konnten? [1]
[1] Dank des 72 m hohen Fürstenberges (Vetera IA), der die Erdkrümmung perfekt ausgleicht
Hundert Jahre später legten die Römer ihren berühmten schnurgeraden Limesabschnitt an, der über 80 km über Berg und Tal so unglaublich genau vermessen wurde, dass erst seit wenigen Jahrzehnten mit vertretbarem Aufwand ein besseres Ergebnis möglich wäre.
Nach Ansicht der meisten Fachleute war das übrigens sowohl militärisch als auch geografisch völlig sinnfrei — eine reine Machtdemonstration (“Weil wir es können!”).
Wir finden in den in den letzten Wochen geposteten Karten aber mindestens ein Dutzend ‘Marsgesichter’ — und wissen dank der Archäologie am Boden auch ganz genau, wer sie produziert hat.
Disclaimer: Das ist keine willkürliche Auswahl von Punkten, sondern der mir bekannte aktuelle Stand der archäologischen Forschung! — Wenn etwas fehlen sollte, bitte ich um Meldung.
Eine ganz entscheidende Frage scheint doch zu sein, ob den römischen Insidern der Zeitenwende der von Eratosthenes ermittelte Erdumfang (oder gar ein noch besserer selbst ermittelter Wert) als Grundlage diente, oder der viel zu kleine Erdumfang des Poseidonios, den Ptolemäus zu Grunde legte.
Das römische Längenmaßsystem scheint jedenfalls allerspätestens seit Augustus eher auf die reale Welt ausgerichtet zu sein, entspricht doch 1 Meridiangrad den darüber definierten 60 (neuzeitlichen) Nautischen Meilen (1 Nautische Meile = 1 Meridianminute) — aber eben auch antiken 600 Römischen Stadien oder 75 Römischen Meilen oder 50 Römischen Leugen.
Ich sehe da nur eine Reihe von Stützpunkten die strategisch, meist an Flüssen gebaut wurden. Rein zufällig in den passenden Abständen. Mit Sicherheit ist die Wahl der Abstände so gewählt, dass die Stützpunkte das Gebiet bestmöglich abdecken können. Dass die Abstände aber so gleich sind halte ich für Zufall.
Die Änderung des Masssystem finde ich jetzt auch nicht unbedingt beweiskräftig.
Und die Messtechnik trivialisierst du auch ein wenig.
Also ja, ein weiteres Marsgesicht, das bei näherer Betrachtung nur ein paar Felsen sind.
Was meinst du damit? Es ist doch Jacke wie Hose, ob wir in Römischen Stadien, Leugen oder Meilen rechnen — oder in modernen Nautischen Meilen, die 10 Stadien oder einer Meridianminute entsprechen. Bei den Kilometern wird es leider etwas unrund, aber ~111.2 km auf ein Grad kann man sich gleichwohl ganz gut merken.
[Edit, drei Wochen später — Interessanterweise finde ich als Beifang ständig Distanzen von 200 km oder 400 km, wobei es eine Weile gedauert hat bis mir klar wurde, dass das sehr genau Distanzen von 9/5 Grad (1.8°), respektive 18/5 Grad (3.6°) entspricht, oder in Römischen Stadien 1080, bzw. 2160 ]
Inwiefern? Nebenbei, meine eigenen Erfahrungen mit praktischer Vermessung im Gelände fanden lange vor GPS und Total Stations statt — mit damals schon teils museumsreifen Theodoliten aus dem frühen bis mittleren 20. Jahrhundert, die sich nicht wesentlich von einer römischen Dioptra unterschieden.
Du wünschst eine Ost-West-Breitenlinie? Bitte gern — inklusive perfekt senkrecht dazu verlaufender mutmaßlicher Gradmessung zwischen Katwijk und Antwerpen:
Wobei hier alles was festländisch ist, in die augusteische Zeit gehört. — Erst 60 CE entstand das römische Militärlager in Chelmsford, das dann unter dem hochtrabenden Namen Caesaromagus eine zivile Stadt werden sollte, die aber letztlich floppte (vielleicht, weil der Ort rein theoretisch ermittelt worden war ohne wirklich attraktiv zu sein?).
Das 5 : 9 : 9 -Dreieck Katwijk—Antwerpen—Haltern erinnert nebenbei an das 5 : 9 : 9 -Dreieck Hedemünden—Barkhausen—Köln, auch die Dimensionen sind identisch (wie immer ±1%).
[Die gelbe Linie ganz links ist der moderne Nullmeridian (Greenwich).]
Beeindruckende Beobachtung! Aber noch kein Beweis für Deine Theorie.
Es stellt sich jedoch auch hier wieder die Frage, warum dann nicht alle Orte auf einem sauberen Gitternetz liegen (wenn sie schon so genau messen konnten) und jedesmal andere (ziemlich schief zueinander liegende) Dreiecke zwischen 3 bis 5 Punkten ausgemessen wurden. Also diese Mischung aus Systematik und Chaos braucht noch eine Erklärung in der Theorie…
Hier ziehe ich auch gerne mein Beispiel der Römerstraße hier bei mir ums Eck (von Augsburg nach Salzburg, also auch augusteisch, oder nicht? Könnte aber auch erst ca. 65 n.Chr. gebaut sein wie Funde am Ammersee andeuten) heraus, deren Schnittpunkt mit der Bahnlinie von München nach Holzkirchen (Maximiliansbahn vor ca. 170 Jahren gebaut und verband ebenfalls Augsburg mit Salzburg) auf 48°00’03"N liegt.
Dafür habe ich drei Theorien zur Auswahl:
a) die Römer wußten, dass da 2000 Jahre später mal eine Bahnlinie verlaufen wird und haben den Kreuzungspunkt schon mal vorbereitet
b) die Bahnbauer wußten bzw. sahen, dass da die uralte (Römer)Straße verläuft und haben zu Ehren von König Maximilan (Beginn seiner Regentschaft 1848) die 48°0’0" als Kreuzungspunkt gewählt
c) reiner Zufall aus anderen praktischen Erwägungen (z.B. Geländeform)
Für keine der Möglichkeiten habe ich einen klaren Beweis, tendiere aber aus allgemeiner wissenschaftlicher Erfahrung heraus zu c) und weil mir a) seherische Fähigkeiten voraussetzt und b) zu viele Annahmen hat.
hns
PS: westlich davon läuft die Römerstraße über 6km in ziemlich exakter Ost-Westrichtung zwischen 48°00’43"N und 48°00’38"N. Der genannten Schnittpunkt mit 48°N liegt auf einer schnurgeraden Stecke von ca. 16km aber 113°. Warum die Richtung 113° wenn westlich davon exakt 90° eingehalten wurden? Vielleicht weil es exakt ESE ist?
Na ja, die alten Römer benötigten natürlich schon freies Sichtfeld zum Peilen.
Das impliziert natürlich auch, dass der Aufwand für die Vermessung gigantisch war.
Ich stelle mir vor, dass die Römer im wesentlichen Wasserstraßen und bereits vorhandene Wege benutzt haben (zumindest bei der Eroberung und der Erschließung).
Gruß,
Hugin
Viel mehr beeindrucken mich hier die hochpräzise vermessenen römischen Straßenabschnitte. Nebenbei beträgt die Luftlinie von Ad Enum (“am Inn”) an dieser Straße (Leonhardspfunzen) zum augusteischen Lager in Augsburg (am Lech) recht genau 600 Stadien oder 1° und bildet mit der Linie Cambodunum (Mariaberg)—Augsburg einen rechten Winkel in Augusta Vindelicorum.
Alle Orte auf ein Gitternetz zu legen, ergibt doch nur in den topfebenen, weitgehend flusslosen Prärien Nordamerikas einen Sinn, wenn keine aufsässigen Einheimischen mehr da sind. Davor konnte man nur im Schutz eines Forts siedeln, wie in der Germania Magna.
Die römischen Standorte jedoch sind strategisch gewählt, meist an Flüssen gelegen, oft sogar an Flussvereinigungen. Die Lagerketten an Rhein und Maas sind doch in den Karten gut zu erkennen.
Die Mischung aus Systematik und scheinbarem Chaos könnte auch daran liegen, dass es vor allem links des Rheins noch frühere Phasen vor Drusus gegeben hat, etwa unter Agrippa und noch zuvor unter Julius Caesar.
Dem Wunsch nach mehr Ordnung kann ich aber entsprechen, da sich mittlerweile Antwerpen als ganz wichtiges Puzzleteil erwiesen hat, das bislang fehlte. Hier also eine aktualisierte Karte mit verblüffendem Ergebnis.
Diese Karte zeigt den Stand von 9 BCE. Zum neu entdeckten Drusus-Lager in Haltern hier mehr (falls sich jemand fragt, warum jetzt plötzlich Haltern auf Karten der Drususphase erscheint):
Edit: Noch ein Gedanke zur obigen Karte. Wurde das Drusus-Hauptlager rechts des Rheins, Oberaden, in der zweiten Phase etwa aufgegeben und eingeebnet, weil der dort ursprünglich zuständige südliche Vermessungstrupp aus Rödgen bzw. Mainz Bockmist gebaut hatte oder schon auf falscher Datenbasis losmarschierte? Denn so sieht es für mich aus. Danach hat man alles nur noch auf Haltern und Waldgirmes bezogen, auch Rödgen wurde nicht mehr genutzt.
Wo es kein freies Sichtfeld gab, wurde eben eines geschaffen, etwa indem auf einer Hügelkuppe die Bäume gefällt und in einen Turm verwandelt worden wären. Das gehörte zu den Standardarbeiten eines Legionärs und war dank großer Mannstärke schnell erledigt.
Wie schon mal erwähnt, als Gauß im frühen 19. Jahrhundert das Königreich Hannover akribisch per Triangulation vermaß, brauchte er mit wenigen Assistenten und ohne jede andere Hilfe ganze sieben Jahre dafür (allerdings konnte er sich die so wichtige Basis-Gradmessung sparen, da er dafür einfach die schon vorhandene dänische Messung verwenden konnte).
Links des Rheins hätten die Römer seit Caesar rund 40 Jahre Zeit gehabt, in denen Agrippa etwa seine berühmten Straßen plante und baute, und in der Germania Magna war man dann nochmal gute 25 Jahre zugange — bis zum endgültigen Rückzug hinter den Rhein 16 CE (mit Ausnahme der für die Versorgung von Mainz so wichtigen Wetterau).
Das war er ganz sicher. Aber großen Aufwand machte es auch, als kurz zuvor Drusus und Tiberius Straßen über die Alpen (aus-)gebaut hatten oder als Drusus während der Germanienfeldzüge mal eben so einen Kanal vom Rhein zum (heutigen) Ijsselmeer graben ließ, damit die Flotte leichter vom Rhein zur Ems, Weser und Elbe gelangen konnte.
Das ist ganz sicher richtig, und deshalb sind die wichtigen Flüsse in meinen Karten grafisch besonders hervorgehoben. Ohne die Flüsse ist das Ganze noch weniger zu verstehen.