Neues zu den augusteischen Römerstützpunkten in Mitteleuropa

Ergänzung:

Mit den restlichen frühaugusteischen Standorten an Niederrhein, Lippe und Weser/Werra sieht das dann so aus (es fehlt hier nur Mainz, aus Platzgründen [1]):

Waldgirmes entsteht erst etwa fünf Jahre nach Drusus’ Tod. Da aber vor Drusus auch schon J. Cäsar an der Lahn gewesen ist, erscheint es nicht ganz unwahrscheinlich, dass der Ort schon lange zuvor als geeignet für eine Civitas-Gründung befunden worden war, die den Umständen entsprechend erst später erfolgte.

Gruß, Timo


[1] Genau genommen fehlen [neben den bislang noch unentdeckten Standorten] auch noch Holsterhausen und Haltern, ebenfalls aus Gründen der Übersicht. Aber das waren in der Drusus-Phase offenbar nur temporäre Nachschublager, die hin und wieder bei Bedarf jeweils neu angelegt wurden. Erst nach Drusus entstand in Haltern ein bedeutendes Standlager, welches dann den spätaugusteischen Haltern-Horizont markiert.

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Aachen

Von den bei Ulbert (2011) aufgeführten augusteischen vici im Rheinland fehlte bislang noch Aachen — das sich in der aktuellen, frühaugusteisch aufgeräumten Karte als durchaus auffällig erwies:

  • Sehr saubere 4° (+0.12%) zur augusteischen Gründung Augustodunum (Autun)

  • Die 4°-Linie Aachen–Yverdon (Eburodunum) schneidet nach 1.25° den vicus Ricciacum (Dalheim) — so genau, dass die beiden Linien sich perfekt überlagern

  • Mit Daun bilden Aachen und Dalheim ein gleichschenkliges Dreieck mit dem Seitenverhältnis 5:3:3

  • Orléans mit Fragezeichen, da es eine vorrömische Gründung ist [1]

Wir können also feststellen, dass auch der bislang hier im Thema von mir zu Unrecht missachtete augusteische vicus in Aachen sich geschmeidig in das vermutete System einpasst. :joy:

Nebenbei trugen vier der zehn Orte in der Karte den Namen '-dunum ’ — Autun, Yverdon, Verdun und Daun.

Gruß, Timo


[1] Das Fragezeichen kann wohl weg, nachdem ich gerade feststellte, dass Orléans sehr genau (-0.05%) 4.5° Luftlinie von Alzey liegt. — Das ist doch alles nicht wahr! Wie zum Belenus haben die das gemacht?!

[Edit, update]

Sion/Sitten (Sedunum )

Hier entstand erstmals ein römischer Stützpunkt im Rahmen des augusteischen Alpenfeldzugs 15 BCE, dessen westlicher Vormarsch vom Legionslager in Aosta erfolgte.

[Wobei es hier ‘nur’ darum ging, den Alpenübergang über den Großen St. Bernhard und das Wallis unter Kontrolle zu bringen. Spätestens am Genfersee war man wieder auf befriedetem Gebiet, und der nächste Feind wartete erst wieder rechts des Rheins.]

Im gleichen Zeithorizont werden die römischen Gründungen Augst (Militärlager, Civitas), Dangstetten (Legionslager), Kempten (Militärlager, Civitas), wie auch Strahlegg (Turm) archäologisch verortet.

Nimmt man jetzt noch den etwa gleich alten Stützpunkt in Augsburg hinzu, sowie das sich schon wieder aufdrängende gleichseitige 1°-Pfälzerwald-Dreieck, dann sieht das so aus:

Sitzt, passt und hat ein wenig Luft. :grin:

Gruß, Timo

Interessant, aber ich sehe immer noch keine Regelmäßigkeiten, vor allem wenn man die vielen Bilder überlagert. Ich sehe eine Reihe von wirr auf die Karte geworfenen Linien, die manchmal (=selten) parallel Verlaufen und ab und zu durch drei Orte gehen…

Es ist eben keine aperiodische Pflasterung wie: Penrose tiling - Wikipedia

Aber so langsam müsste es doch möglich sein, das alles in eine eindeutige zeitliche Reihenfolge zu bringen. Zunächst war (Ort1) da. Dann wurde im Abstand von 4° der (Ort2) gegründet. Von dort wurde mit (Ort3) ein rechtwinkliges/gleichschenliges Dreieck angelegt. (Ort4) wurde in der Verlängerung der Linie von (Ort5) und (Ort6) im Abstand von soundsoviel Leugen gegründet und war zufällig auch noch an einem Fluss. Usw.

– hns

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Was heißt wirr? Die Linien bezeichnen diskrete Distanzen zwischen etwa gleichalten römischen Stützpunkten. Diskrete Distanzen sind Regelmäßigkeiten

Nein, und es ist auch kein Schachbrettmuster, sorry.

Warum das nicht möglich war, ergibt sich aus den römischen Marschrouten während der Alpen- und Germanienfeldzüge, die eben nicht flächendeckend waren, sondern etwa das westliche heutige Baden-Württemberg oder auch den dichten, unübersichtlichen Pfälzerwald mieden. Auch bestand noch keine direkte Straßenverbindung zum Niederrhein, der in augusteischer Zeit nur von Westen her über die Agrippastraßen erreicht werden konnte.

Daher sind solche Muster gar nicht zu erwarten, zumal in dieser frühesten Phase.

Dafür ist die letzte Karte doch ein schönes Beispiel:

  • vor 15 BCE — Legionslager in Aosta

  • um 15 BCE — Sion, Augst, Strahlegg, Dangstetten, Kempten, Augsburg, Drusenheim

  • um 10 BCE — Pachten

  • “um Christi Geburt” — Alzey

  • “im 1. Jh. neben einem römischen Lager” — Saverne

(Bei den letzten beiden fehlen offenbar wegen zweitausend Jahren kontinuierlicher Überbauung Spuren aus der Gründungsphase)

Aber auch mit den Unsicherheiten in Saverne und Alzey ergibt das im Rahmen dieser Feldzüge ein chronologisch stimmiges Bild.

Allerdings bleibt unklar, welche dieser Standorte schon unter J. Cäsar bestimmt worden waren, wie es antike Schriftquellen etwa von Augst und Pachten behaupten — wobei beide erst in augusteischer Zeit archäologisch greifbar werden.

[Edit] Alle linksrheinischen Punkte auf der letzten Karte, also alle minus Dangstetten, Kempten und Augsburg, sind schließlich seit dem Gallischen Krieg unter römischer Kontrolle. Es hat dort also viel Zeit gegeben zum Messen, Planen und zum Straßenausbau etwa von Metz über den Col de Saverne nach Straßburg, sowie von Trier über den Hunsrück (Denzen) nach Bingen und Mainz.

Es spricht also einiges dafür, dass Drusus und Tiberius links des Rheins ab dem Bodensee bereits auf einer älteren kartographischen Grundlage unterwegs sein konnten. Auch am Niederrhein hatte ja Agrippa schon Vorarbeit geleistet mit Straßen- und Lagerplanung (~19 BCE Neuss, Nijmegen).

Gruß, Timo

Ich meinte genau das Bild das man sieht. Das sieht einfach wirr hingeworfen aus. Selbst wenn die Distanzen nachmessbar regelmäßig sind und selbst wenn ein Schema dahinter stecken sollte - man sieht es einfach nicht. Im Gegensatz zu Schachbrett oder Penrose-Pflasterung wo man das Muster sofort beschreiben kann.

Ich meinte schon: “alles”: Nicht einzelne Beispiele. Ein Beispiel beweist nicht.

Die Hypothese ist doch dass das alles nach einem Schema und systematischer Vermessung angelegt wurde. Daher müsste das Schema aus den vielen Beispielen benennbar werden. Ich sehe aber nur immer wieder “regelmäßige” Entfernungen (die Du entdeckst), aber kann kein Schema darin erkennen (sondern das sich ergebende Bild bleibt für mich wirr).

Immerhin ist Dein Beispiel ein guter Anfang. Da müssten sich jetzt aber alle anderen Beispiele einfügen lassen. Sowohl zeitlich als auch räumlich. Incl. Bezug auf Bergspitzen usw.

Das bringt mich auf eine Idee, was fehlt um das zu entwirren. Die Zeitkomponente. Du kennst sie aber aus den Karten ist sie nicht erkennbar.

Kannst Du:
a) bei jedem Ort angeben wann er gegründet wurde? Berggipfel natürlich ohne klares Datum…)?
b) zwischen Orten nicht nur eine Linie mit Entfernungsangabe malen, sondern einen Pfeil der angibt, von wo aus das Pfeilende demnach vermessen wurde?

Dann gibt das einen raumzeitlich gerichteten Graphen der beschreibt, was vielleicht von wo aus vermessen wurde.

Das wäre dann in Deinem Beispiel:

Aosta (vor 15BCE) → (… Leugen/m.p./Grad) Sion (15 BCE)
Aosta (vor 15BCE) → Augst (15 BCE)
Aosta (vor 15BCE) → Strahlegg (15 BCE)
Aosta (vor 15BCE) → Dangstetten (15 BCE)
Aosta (vor 15BCE) → Kempten (15 BCE)
Aosta (vor 15BCE) → Augsburg (15 BCE)
Aosta (vor 15BCE) → Drusenheim (15 BCE)
… → Pachten (~10 BCE)
… → Alzey (~1 CE)
… → Saverne (~50 CE)

Und genauso für alle anderen Entdeckungen.

Dann sollte das selbst in einer Gesamtkarte auch nicht mehr “wirr” (verwirrend) aussehen, da man dem Zeitpfeil folgen kann.

Mir geht das doch auch so. Wie sie das alles gemacht hätten, bzw. auf welcher Grundlage sich diese regelmäßigen Distanzen immer wieder ergeben, ist mir so rätselhaft wie Dir.

Wie schon einmal geschrieben, scheint es mir zuweilen, als sähen wir hier nur das Ergebnis eines Prozesses, den wir noch nicht ganz verstanden haben.

Kann jemand einen frühaugusteischen Stützpunkt/Vicus/Mutatio nennen, der in der Karte fehlt und nicht in das vermutete System passt?

Das ist nicht nur eine rhetorische Frage. Falls chronologisch relevante Orte aus Unwissen ausgelassen wurden, lasst es mich bitte wissen!

Danke für die Anregung!

Gerade wollte ich Euch alle bitten, Kritik nicht nur zum Inhalt, sondern auch zum Informationsgehalt meiner Kartengrafiken abzulegen (z.B. auch: geographische Karte darunterlegen oder besser nicht?)

Wird gemacht! Wobei es halt nahezu immer nicht ganz sichere archäologische Daten sind, keine offiziellen Gründungsurkunden. :wink:

In welcher Richtung jeweils vermessen oder gerechnet wurde, kann zumindest ich aus den vorliegenden Daten nicht zwingend erschließen. Die über den Ärmelkanal erreichbaren frühen Stützpunkte Nijmegen (Maas) und Neuss (Rhein) liegen mit ~19 BCE einige Jahre vor Dangstetten und Augsburg.

Von daher ist es nicht ganz trivial, zu spekulieren, in welche Richtung die Aufklärung/Vermessung letztlich im Einzelfall verlaufen ist.

Gruß, Timo

Für mich ist es sicher, dass es aus einem Prozess stammt, den wir noch nicht ganz verstanden haben.

Nur ob dieser

a) schon zu Römer’s Zeiten stattgefunden hat mit unbekannten Mitteln oder ob er
b) heute stattfindet, wenn Du in den mit modernster Technik identifizierten Entfernungen etwas entdeckst was Du als “glatt” definiert hast und einen zufälligen Effekt wie beim Geburstagsparadoxon für unwahrscheinlich hältst,

das wissen wir noch nicht.

Es ist im Endeffekt eine Entscheidung zwischen nur zwei Möglichkeiten - wo der von mir schon oft eingeworfene Statistiker etwas zur jeweiligen Wahrscheinlichkeit ausrechnen könnte…

Gerne!

Na klar… aber genauer als es nicht zu machen ist es allemal.

Aber aus dem Gründungsdatum.

Man wird kaum eine frühere Gründung von einer noch nicht existierenden späteren aus vermessen haben…

Ich stelle es mir ja so vor:

  • 15BCE wurde Ort 1 erobert und befestigt.
  • Nachdem er sich ordentlich entwickelt hatte, gab es 10BCE einen Vorstoß,
  • auf dem Ort 2 in Bezug auf Ort 1 vermessen und angelegt wurde.

D.h. das gibt Zeitpfeile (“zuerst Ort 1, dann Ort 2”). In einigen Fällen ist das natürlich zu ungenau - dann eben keinen Pfeil.

Andersherum (dass man Ort 1 in Vorausschau auf den noch gar nicht eroberten Ort 2 vermisst und gründet, damit dessen Entfernung passt) ist ziemlich unplausibel.

Ich bin mal gespannt was da herauskommt…

Mit meiner Betonung auf ‘noch’. :slight_smile:

Den zufälligen Effekt schließe ich schon deshalb aus, weil sich auch ganz kleinräumig immer wieder Luftliniendistanzen von 5 Leugen (0.1°) oder Vielfachen ergeben (etwa ein paar Karten weiter oben an der Saar).

Wobei man natürlich auch einen Punkt vermessen kann, lange bevor man dort vielleicht irgendwann einen ersten provisorischen ersten Spitzgraben zieht, oder noch später auf dem vormaligen Lagergelände einen zivilen Vicus anlegt.

Es wurden in den obigen Fällen eher vordefinierte Stellung bezogen, als erobert.

Der augusteische Vorstoß gegen die rechtsrheinische Germania magna begann wohl schon um 12/11 BCE.

Aber in dieser ganz frühen und intensiven Phase blieb für eine ordentliche Entwicklung wohl noch keine Zeit.

Gruß, Timo

Hier ist einmal ein ganz lineares Beispiel, ausnahmsweise ohne die üblichen diskreten Distanzen, aber immerhin mit sehr genau 850 Stadien (-0.02% [!]) zwischen Sparrenberger Egge und Waldgirmes:

Die Lage auf einem Längengrad mag natürlich ein Zufall sein, aber dafür ist es schon sehr genau, und das bei recht wenigen römischen Punkten in dieser Zeit in der Gegend.

Auch das augusteische Kastell Höchst liegt nur ganz knapp (~400 m) neben dieser Linie (Azimut Zürich–Höchst: 0.15°). Von Zürich bis Höchst lief diese Linie größtenteils über das spätere Dekumatland — das zu Augustus’ Zeit aber noch rechtsrheinisches Feindesland gewesen ist.

Es stellt sich dabei die Frage, ob die vermuteten römischen Vorstöße nach Norden vom Lager Dangstetten aus so weit gereicht hätten, diese nahezu perfekte Nord-Süd-Linie im Gelände zu vermessen, oder ob die antiken Geodäten vielmehr damals schon bekannte astronomische Methoden zur Längengradbestimmung nutzten. Beides wäre theoretisch denkbar.

Gruß, Timo

[Edit: Ups, dieser Beifund erweist sich bei näherer Betrachtung immer mehr als prachtvolles Wespennest. Das morgen fällige Update dieser Karte wird gelinde gesagt sehr interessant!]


Zürich — Spätlatènezeit, römische Epoche, Merowingerzeit (Historisches Lexikon der Schweiz)

Römisches Forum Lahnau-Waldgirmes – Wikipedia
[PDF] Die römische Stadt von Lahnau-Waldgirmes : Kelten, Germanen und Römer im Lahntal

Römische Kreisgrabenanlage auf der Sparrenberger Egge – Wikipedia
[PDF] https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/aiw/article/download/25927/19644

Update

Nachdem mir die unrunde Distanz von Zürich nach Waldgirmes nicht gefallen wollte, habe ich die Linie weiter nach Süden verlängert, bis sie sehr exakt auf dem Gipfel des Winterhorns im Gotthardmassiv landete.

Von hier sind es wunderschöne 4° +0.12% nach Waldgirmes — sowie sehr genau im rechten Winkel dazu 0.75° +0.96% nach Tinizong, Etappenort an der von den Römern seit 15 BCE begangenen Straße über den Septimerpass:

Jetzt war es natürlich an der Zeit, das Winterhorn einmal etwas genauer zu betrachten. Hier zunächst der Blick auf die nähere Umgebung:

Und herausgezoomt:

Die größte Überraschung war dabei das Matterhorn, das ganz genau auf der Linie Aosta—Winterhorn liegt, in recht genau 1/3° Distanz von Aosta.

Zur Datierung der einzelnen Orte ist hier noch zu sagen, dass obwohl jeweils kein archäologischer Befund der Gründungsphase vorliegt, doch anzunehmen ist, dass Straßenstationen wie Tarquimpol (Metz-Straßburg), Tinizong, Feldkirch [1] (Septimerpassroute) und Landeck (Reschenpassroute) schon bei der Erschließung der jeweiligen Routen definiert worden waren.

Tarquimpol (Ad Decem Pagos) etwa liegt in rund 0.2° (10 Leugen) Luftlinie von Sarrebourg (Pons Saravi), und rund 0.4° von Saverne (Tabernis), wurde also offensichtlich schon bei der Planung der Straße als Etappenort festgelegt. Ein römisches Lager entstand in Straßburg um 12 BCE, mithin sollte die Straße über den Col de Saverne inklusive definierter Stationen schon zumindest rudimentär existiert haben.

(Filzbach ist wieder einer der drei steinernen ‘Drusus-Türme’ am Walensee.)

Gruß, Timo


[1] Die zuvor nur aus Schriftquellen bekannte römische Straßenstation Clunia konnte erst vor gut einem Jahrzehnt im Nordwesten von Feldkirch-Altenstadt lokalisiert werden.

Clunia (Feldkirch) – Wikipedia

Und noch ein Update zum Update…

Bei der Vermessung der Distanzen vom Winterhorn hatte ich (nicht nur) Domodossola übersehen. Dieser als römische Straßenstation gegründete Ort liegt in sehr genau 0.5° Distanz vom Winterhorn.

Die Luftlinie von Domodossola zum sehr wahrscheinlich von Drusus um 15 BCE gegründeten Konstanz (Drusomagus ?) läuft nur knapp am Winterhorn vorbei und misst 5/3° -0.11%.

Die gleiche Distanz (-0.04%) misst man vom Winterhorn nach Kempten, das ebenfalls um 15 BCE als römischer Stützpunkt entstand.

Und dann ist da auch noch Flums [1] an der Ost-West-Route vom Alpenrheintal über den Walensee weiter nach Zürich, das in der gleichen Richtung wie Feldkirch und Kempten auf ein Viertelgrad genau 0.75° vom Winterhorn entfernt liegt.

Gruß, Timo


[1]

Auf eine römische Siedlung deuten Baureste unter der St.-Justus-Kirche, Scherben aus dem 2. und 3. Jahrhundert n.Chr. sowie Münzen hin; beim sogenannten Heiligenbungert wurden Spuren einer Römerstrasse entdeckt. Flums

[Auch wenn hier Funde aus augusteischer Zeit fehlen, liegt dieser Ort an einer schon zu dieser Zeit sehr wichtigen römischen Route, wie unter anderem die drei Walenseetürme am anderen Ende des Sees zeigen — von denen Filzbach hier aktuell ja ebenfalls auffällig ist.]

Hallo zusammen,

kürzlich hatte ich Straßburg noch als frühaugusteische Gründung behandelt — aber das entspricht offenbar nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand, der eher auf eine spätaugusteisch-frühtiberische Gründung hindeutet.

Das scheint ebenfalls für den römischen Stützpunkt Oedenburg bei Bliesheim zu gelten, der hier im Thema noch nicht vorkam:

Die jüngsten Ausgrabungen von Oedenburg belegen ebenso eine militärische Besatzung, die nicht früher als in das zweite Jahrzehnt n. Chr. datieren kann. Die noch unveröffentlichten Forschungen aus dem Gebiet der zivilen Siedlung im Norden und Westen des Hügels Altkirch haben keine früheren Schichten aus vorrömischer oder augusteischer Zeit erwiesen, so dass die ersten sicheren chronologischen Indikatoren aus dem Gebiet der Heiligtümer und des Riedgrabens stammen (Abb. 5). Sie bestehen aus Holz, dessen Fälldatum um 3-4 n. Chr. liegt, und spätaugusteischer Keramik.

Diese allerersten Indikatoren, deren Chronologie durch die Numismatik bestätigt wird, scheinen sich gleichwohl auf den Bereich der Heiligtümer zu beschränken. Sie belegen eine Nutzung des Areals vor der Errichtung des ersten Militärlagers, das wir anhand von Keramik und Münzen auf die Jahre 15-20 n. Chr. datieren können.

[ → Michel Reddé. Befunde und Erkenntnisse zu den römischen Militäranlagen am Oberrhein in augusteischer und tiberischer Zeit. Über die Alpen und über den Rhein. Beiträge zu den Anfängen und zum Verlauf der römischen Expansion nach Mitteleuropa, G.A. Lehmann / R. Wiegels (Hrg.), 2012, Göttingen]

Die fälligen Distanzmessungen ab Oedenburg erwiesen sich als außerordentlich ergiebig, mit Nachhall bis um 70 CE (Anlage der Kinzigtalstraße durch den Schwarzwald):

Ganz interessant finde ich, dass die ersten sicheren chronologischen Indikatoren aus dem Gebiet der Heiligtümer [Reddé 2012] rund zehn Jahre vor dem Beginn der militärischen Besetzung datiert werden. Das scheint nicht nur meine Vermutung zu stützen, dass manche Orte schon lange aufgeklärt und eingemessen waren, bevor dort wirkliche Stützpunkte entstanden.

[Das nahe Basel ist ja auch so Beispiel, wo schon ab etwa 30 BCE erste römische Militärberater/Aufklärer/Vermesser (?) wenige Spuren hinterlassen, bevor es dann ab 15 BCE richtig ernst wird.]

Gruß, Timo

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Ergänzung

Einige wichtige Punkte hatte ich noch übersehen:

  • Das erste Kastell in Passau (Rosenau, ~60 CE) liegt in sehr genau 4° Distanz von Oedenburg

  • Dieses Großkreisegment läuft exakt über das Drusus-Lager in Augsburg-Oberhausen (15 BCE)

  • Metz und Speyer liegen je sehr genau 1.4° von Oedenburg (daraus folgt noch mehr — siehe ganz unten)

  • Mit Langres und Bonn/Holsterhausen ergibt sich in Oedenburg ein bislang übersehener weiterer rechter Winkel (90.5°)

Daraus folgt dann unter anderem dieses Muster mit sehr genauen diskreten Distanzen (Metz–Speyer: exakt 1.5°; Metz–Oedenburg: exakt 1.4°):

Die ursprünglich gallischen Stammeshauptorte Langres und Metz wurden schon im Rahmen des Gallischen Krieges zu römischen Stützpunkten, während Bonn, Speyer und Oedenburg in augusteischer Zeit auf der grünen Wiese geplant wurden.

[Edit] Und hier noch, nicht nur für @hns, ein strategischer Richtungspfeil. (Die erste römische Straße in Richtung Mosel und Rhein verlief von Lyon, dem römischen HQ in Gallien, über Langres und Metz.)

Köln wurde offensichtlich genau in der Verlängerung der Linie Lyon–Metz gegründet:

Die hier gepunktete (weil ‘nicht diskrete’) Linie Köln–Oedenburg schneidet Metz–Speyer recht genau mittig (plusminus zwei Fußballfelder) — womit sich vier weitere rechte Winkel ergeben, wenn auch nur virtuell.

Hier noch die ‘irregulären’ Distanzen von Metz sowie Speyer nach Köln (Oppidum Ubiorum ):

  • 209.7 km — Köln–Metz

  • 209.2 km — Köln–Speyer

:wink:

Gruß, Timo

… Auf der letzten, sehr einfachen Karte aufbauend, ergab sich weiterhin dieses:

… was dann unter voller Berücksichtigung von Verdun so aussieht:

… und nimmt man noch Linz [1] hinzu, wird das ganze noch runder:

[1] Schon lange vor dem Alpenfeldzug 15 BCE, bei dem Rätien bis zur Donau erobert worden war, lag das weiter östlich in Noricum gelegene Linz für die Römer schon auf zunächst verbündetem und dann letztlich heimischem Gebiet. Hier einen östlichen Eckpunkt anzulegen, ergab also durchaus Sinn.

Da bekommt man jahrelang keine richtige Struktur in diese Ecke, und dann kommt Oedenburg daher, und alles passt plötzlich zusammen! :laughing:

Sollten doch schon früher als archäologisch nachgewiesen römische Aufklärer/Vermesser etwa vom genau 0.5° entfernten Basel aus in Oedenburg gewesen sein? Jedenfalls scheint es so, als habe dieser Punkt bei der initialen Vermessung eine wichtige Rolle gespielt.

[Nebenbei zur Erinnerung: die Linie Hermeskeil–Köln–Holsterhausen verläuft perfekt in geographischer Süd-Nord-Richtung.]

Gruß, Timo