Neues zu den augusteischen Römerstützpunkten in Mitteleuropa

Hallo zusammen,

einen neuen Ansatz verfolgend habe ich in der Schweiz und Umgebung einmal alle Nord-Süd und Ost-West (± 1°) verlaufenden Linien, die bislang schon auffällig gewesen sind, gesondert in eine Karte eingetragen:

Gleich fünfmal findet man hier Berge namens ‘Hochwacht’. Dazu aus dem Historischen Lexikon der Schweiz:

Um die Truppen zu mobilisieren, gab man im Bernbiet ab Mitte des 15. Jahrhunderts, in der Urschweiz ab 1529 Feuerzeichen von Berg zu Berg weiter. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde das Netz der in optischer Verbindung stehenden Signalpunkte (eine Hochwacht wird im Kanton Waadt signal genannt) ausgebaut. Bern zählte zwischen Rhein und Genfersee 156 Chutzen, Thurgau 51 Hochwachten, Freiburg 33, Zürich 23, Luzern 17. Zur Ausrüstung einer Hochwacht gehörten eine Wachthütte, ein Visierinstrument, eine schwenkbare Harzpfanne an galgenartigem Gerüst, ein Mörser sowie dürres Holz. Bei Nacht signalisierte man mit Feuer, bei Tag mit Rauch, bei Nebel mit dem Mörser. Das Hochwachtensystem kam 1870 im Zug des Deutsch-Französischen Kriegs letztmals zum Einsatz. Flurnamen wie Guggershörnli, Hochwacht, Pfannenstiel, Wachthubel und Signal de Bougy, de Morrens, de Sauvabelin, de Chexbres sowie die Hochwachthütte ob Langnau im Emmental erinnern an das einstige Alarmsystem, das zu den ältesten militärischen Techniken der Menschheit zählt.

Hochwachten

Jetzt kann man sich schon fragen, ob die alten Eidgenossen hier zum Teil ein ursprünglich römisches System reaktiviert haben, denn auch die Römer nutzten schon ein vergleichbares Signalsystem zur schnellen Nachrichtenübermittlung — und zumindest im heutigen Kanton Bern [umso mehr noch in der Waadt], bestand (und besteht) trotz alemannischer Einwanderung eine gewisse Bevölkerungskontinuität seit der Antike, sodass man eine uralte Tradition zumindest vermuten könnte.

Gruß, Timo

Hallo Timo,

Ich habe große Achtung vor deinem Ehrgeiz. Wenn du dich mal im Nordosten Deutschlands betätigen möchtest, es gibt Neuigkeiten in Sachsen-Anhalt.

Viele Grüße

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Danke Sven!

Also ist endlich die Pressemitteilung raus:

Erste römische Marschlager in Sachsen-Anhalt entdeckt [identischer Text]

In den Startlöchern stehe ich hier schon seit geraumer Zeit — nachdem der Entdecker von Aken I, Michael Barkowski, im Geschichtsforum mehrfach davon berichtet hatte.

So aufregend das ist, bin ich aber jetzt ein wenig enttäuscht, dass offenbar keines dieser Lager als augusteisch angesprochen wird, wie es zunächst durchgeklungen hatte. Aber gleich mehrere Lager aus dem frühen 3. Jahrhundert sind natürlich ein Hammer.

Dennoch bin ich sehr gespannt auf genauere Lokalisierungen. Aken liegt jedenfalls recht genau in 1.5° (166.7 km) Distanz vom in diesen Breiten östlichsten bekannten augusteischen Lager Hedemünden, sowie in rund 2.5° Distanz von Marktbreit. Sollten die Lager bei Aken tatsächlich zweihundert Jahre jünger sein, könnte das dafür sprechen, dass die von mir vermuteten alten Vermessungdaten nach wie vor als Planungsgrundlage gedient haben könnten.

Gruß, Timo

Hallo miteinander,

inzwischen konnte ich mir das alles einmal genauer anschauen und glaube ich träume:

Legionslager Marktbreit – Wikipedia

Nach dem Scheitern der augusteischen Germanienkriege infolge der Varusschlacht von 9 n. Chr. wurde das noch nicht fertiggestellte Lager bereits wieder aufgegeben und die Befestigung abgebrannt.

Aus der Pressemitteilung:

Ein erster Vorstoß nach langer Zeit des Friedens führte Kaiser Caracalla (Regierungszeit 211 bis 217 nach Christus) zu den Albanern, die man als Bewohner an der Elbe (Alba) begreifen könnte, auch wenn seitens der Geschichtsforschung bislang nur Expeditionen des Kaisers im nahen Umfeld des Limes vermutet werden. Immerhin wurde für seinen Feldzug eigens in Dalkingen im heutigen Baden-Württemberg am Limes ein Prachttor mit Inschrift für den Eintritt ins Feindesland errichtet.

Es ist kaum zu fassen, aber die nahezu perfekt Nord-Süd verlaufende Luftlinie zwischen Dalkingen und Marktbreit beträgt recht genau 0.75°!

[Das ebenfalls auf das 3. Jahrhundert datierte Schlachtfeld am Harzhorn ist hier mir einem X eingezeichnet.]

Die hier in rot dargestellten ‘neuen’ Distanzen sind eigentlich ganz und gar anachronistisch. Als Erklärung bietet sich an, dass man im frühen 3. Jahrhundert noch auf augusteischen Karten/Daten aufbauen konnte. — Sag ich doch! :winking_face_with_tongue:

Gruß, Timo

[Edit: Alte Karte gelöscht wegen einiger Fehler]

Zur heute endlich veröffentlichten Sensation noch der relevante Link zum LDA Sachsen-Anhalt:

Landesamt - Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Presseinformationen - 15.1.26 Sachsen-Anhalt Marschlager

Dem Michael Barkowski aka @Hermundure gönne ich diese Genugtuung so sehr! Was haben die Regulars im Geschichtsforum ihn stets von oben herab abschätzig behandelt und abgekanzelt, weil er ja ‘nur’ ein Ehrenamtlicher ist.

(Als ehemaliger Forumskollege mit ähnlicher Erfahrung feiere ich das ganz besonders.)

:partying_face:

Gruß, Timo

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Nachtrag zum Limestor Dalkingen, von welchem jene Caracalla-Kampagne ausging, die die Archäologen in Halle hinter den neu endeckten Marschlagern vermuten.

Nicht nur sind es, wie schon erwähnt, von diesem Tor recht genau 0.75° in exakt nördlicher Richtung nach Marktbreit — exakt südlich liegt in 0.25°-Distanz das Kastell Aquileia in Heidenheim an der Brenz.

Aquileia liegt sehr exakt auf dem selben Breitengrad wie das Kastell Grinario im heutigen Köngen.

(In Orange der berühmte schnurgerade Limesabschnitt, der hier nicht fehlen darf.)

Für mich, der bislang das Hauptaugenmerk auf die julianische und vor allem die augusteische Zeit gerichtet hatte, zuletzt mit Ausgreifen bis in das spätere 1. Jahrhundert, ist es absolut faszinierend, wie offenbar noch zu Caracallas Zeit im frühen 3. Jahrhundert auf Basis viel älterer kartographischer Daten gearbeitet worden sein muss — und das jenseits des Limes’!

[Noch vor wenigen Wochen hätte ich mich im Leben nicht getraut, solch einen chronologischen Seich zu posten: Hermeskeil julianisch, Marktbreit augusteisch, und der Rest ist noch viel jünger. Aber wie sagte schon Donald ‘Duck’ Dunn: “If the shit fits, wear it!” ]

Gruß, Timo

Klingt schön, aber wie haben es die Vermesser es hingebracht, dass neben den glatten Entfernungen und Koordinaten Marktbreit auch am Main, Heidenheim an der Brenz und Köngen am Neckar liegt? Ebenso Heilbronn und Cannstadt am Neckar. Haben sie die Flüsse also auch passend zu den Koordinaten angelegt? Oder anders gefragt: wie bringt man ein geplantes Vermessungsnetz mit geologischen Gegebenheiten zusammen? Wenn man die nicht berücksichtigen muss, dann ist das einfach…

Gibt es vielleicht schon Neuigkeiten vom Statistiker? Hat er einen Ansatz um nachzuweisen, dass Du nicht eine Variante des Geburtstagsparadoxons gefunden hast? Oder etwas wie: Lincoln-Kennedy-Rätsel – Wikipedia

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei 23 Personen mindestens zwei am selben Tag im Jahr Geburtstag haben? ==> 50,7%

würde wohl zu

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei etwa 100 historisch/archäologisch entdeckten/relevanten Orten einer Epoche mindestens zwei eine “glatte” Entfernung auf der Landkarte haben? ==> ?%

Die Entfernungen sind ja hier nur in Nord-Süd-Richtung auffällig. Zwischen den nebenbei gleichzeitig angelegten Kastellen in Köngen und Heidenheim liegen irreguläre 58.43 km. Bei ‘schöneren’ 55.5 km wäre Köngen widersinnig auf der falschen Neckarseite zu liegen gekommen oder Heidenheim nicht an der Brenz.

Es erweist sich nebenbei recht häufig, dass wenn ein Punkt ein wenig daneben liegt, es dafür einen triftigen geographischen Grund gibt, der einen Kompromiss erzwang. Holsterhausen ist so ein Beispiel, das bei perfekt ‘linientreuer’ Lage mitten in der Lippe gelegen hätte — oder Toul in der Mosel, etc.

Indem man man auf der Basis solider Kartendaten schlau plant, so jedenfalls meine Vermutung. An diesem ganz aktuellen Beispiel lässt es sich doch chronologisch nachvollziehen, wie man sich das vorzustellen hätte:

  1. Hermeskeil — julianisch, liegt auf einem Längengrad mit Köln (und der Nürburg [1] sowie weiter im Norden dem augusteischen Lager Holsterhausen)

  2. Marktbreit — augusteisch, liegt auf einem Breitengrad mit Hermeskeil

  3. Heidenheim, Köngen — flavisch, liegen perfekt auf einem Breitengrad

  4. Limestor Dalkingen — antoninisch/aurelianisch [2], auf einem Längengrad mit Marktbreit und Heidenheim an der Brenz

Das deckt rund 150 Jahre ab, in denen viel Zeit zum Messen und Planen gewesen ist.

[1] Dort wird ein römischer Signalturm vermutet

[2] Das ältere Holztor. Die steinerne Prunkversion entstand dann wohl 213 CE unter Caracalla aus Anlass jenes Feldzuges, den die Hallenser jetzt offenbar als weitaus umfangreicher als gedacht erwiesen haben

Limestor Dalkingen – Wikipedia


Nachdem die Hochwacht-Berge in der Deutschschweiz so außerordentlich gut angeschlagen hatten, habe ich mich jetzt einmal dem frankophonen Äquivalent, den Bergen namens ‘Signal’ gewidmet — und gleich bei den ersten gab es rund um den Genfersee einige schöne Volltreffer:

Es erscheint mir schwer vorstellbar, dass die alten Eidgenossen und Savoyer ihre Signalberge auf alte römische Städte im rechten Winkel ausgerichtet hätten — wahrscheinlicher ist es wohl, dass hier tatsächlich alte römische Peil- und Signalstationen zumindest sporadisch noch bis in das spätere 19. Jahrhundert betrieben wurden.

Gruß, Timo


PS: Den Statistiker, der eigentlich ein Mathematiker ist, will ich derzeit damit nicht behelligen — der wird demnächst Vater und hat neben seinen beruflichen Verpflichtungen den Kopf verständlicherweise ganz wo anders. Und das ist auch gut so. :wink:

Hallo zusammen,

zu den ‘neuen’ Römerlagern in Sachsen-Anhalt gibt es jetzt eine Wikipedia-Seite:

Römische Marschlager in Sachsen Anhalt – Wikipedia

[An der Stelle Dank an alle engagierten Ehrenamtlichen — aber heute vor allem an jene, deren Hartnäckigkeit wir diese sensationellen Funde verdanken!]

Gruß, Timo

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Hochwachten/Signalberge Teil 2

Hallo zusammen,

nachdem ich zuletzt drei historische Signalberge in der Romandie zeigte, die erstaunlich genau auf die römischen Gründungen Octodurum (Martigny) und Eburodunum (Yverdon) ausgerichtet zu sein scheinen, habe ich mir zwischenzeitlich alle auffindbaren Berge mit ‘Signal’ oder ‘Wacht/Warte’ im Namen systematisch vorgenommen.

Und wie jetzt immer deutlicher wird, bildet zumindest ein Teil dieser Berge zusammen mit anderen alten Bekannten wie Mont Blanc, Moléson, Schilthorn, Jungfrau, den Belchen/Ballons etc. offenbar das lange gesuchte Grundgerüst der römischen Vermessung [1] — zu gut passt alles zusammen: oft liegen die Punkte auf die dritte Stelle hinter dem Komma genau auf einem Breiten- bzw. Längengrad.

[1] Wobei sich auch hier schon mehrere Phasen zu überlagern scheinen.

11 Berge namens ‘Signal’ und 15 ‘(Hoch-)Wachten’ — nur für die Statistik :wink:

Dieses größtenteils sehr exakte rechtwinklige Muster zwischen bislang als ursprünglich mittelalterlich-neuzeitlich angesprochenen Signalstationen einerseits und alten römischen Stadt- und Landgutgründungen, bzw. Militärlagern wirkt so gar nicht mittelalterlich oder frühneuzeitlich. Es scheint mir viel besser in die römische Antike zu passen.

Und da es links des Hochrheins eine gewisse Bevölkerungskontinuität seit der Antike gibt, ist es wohl durchaus denkbar, das das Wissen um zumindest einige der alten römischen Peil- und Signalberge bis in die Neuzeit von Generation zu Generation weitergereicht wurde. Belegt ist ja immerhin, das das Hochwachten-System durchgängig mindestens vom ausgehenden Mittelalter (also seit es darüber Aufzeichnungen gibt) bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 genutzt wurde, also rund 400 Jahre.

Gruß, Timo

Hallo Timo,

ich habe ja schon länger das Gefühl, dass Du da etwas auf der Spur bist.:crossed_fingers:

Also habe ich mal einen Test gemacht und eine auffällige Struktur, die ich kürzlich entdeckt habe, mit dem Forum Waldgirmes in Beziehung gebracht.

Und - tada - knapp zehn römische Meilen. Und die Luftlinie führt etwa auf halber Strecke GENAU über den Vetzberg (in meiner Nachbarschaft). Als ich dann noch durch die Barkowsky Story von den Tituli erfahren hatte…

Btw, der Vetzberg ist der am westlichsten gelegene Vulkankegel des Vogelsbergvulkanismus. Er bildet mit dem Gleiberg direkt nebenan eine weithin sichtbare und unverwechselbare Formation, die sogar von Kampfjetpiloten als Landmarke genutzt wird.

Nun habe ich wenig Ahnung von Römern, kann nur noch hinzufügen, dass die Struktur im Hochwasserbeich der Lahn liegt, also wohl nicht für langfristige Nutzung angelegt wurde. Strategisch ist die Lage m.M.n. sehr günstig.

Da ich die vermeintliche Anlage erst entdeckt hatte, als ich mit eigenen Schummerungseinstellungen auf der Suche war, ist es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass sie bisher unbekannt ist. Luftbilder haben bisher auch nichts hergegeben an Bewuchsmerkmalen. Ob sie dem Amt bekannt ist, weiß ich natürlich nicht, meine Recherche hat jedenfalls nichts ergeben.

Gut möglich, dass das alles nichts ist, oder was völlig Unbedeutendes, aber es würde mich freuen, wenn du damit etwas anfangen und vielleicht sogar in dein Netz mit einspinnen kannst.

Gruß

Marco

Wenn Diskussionsbedarf besteht, mach ich gerne noch einen Extra-Thread dazu auf.

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Hallo @Mann_mit_Hund ,

ganz ehrlich gesagt sieht mir das nicht römisch aus — zu breit der Wall (wenn es denn einer war), und die Fläche ist sehr klein. Wenn es überhaupt menschlichen Ursprungs und nicht der örtlichen Geologie geschuldet ist, könnte man vielleicht an eine eisenzeitliche Wallanlage oder eine neuzeitliche Schanze denken.

Hilfreich könnte es in diesem Fall sein, historische Karten von vor der Flurbereingung anzuschauen, aber leider gibt das Geoportal Hessen das wohl nicht her.

Aber danke für den Hinweis auf Vetzberg und Gleiberg (in Hessen kenne ich mich ganz schlecht aus). Als prominente Erhebungen sind das immerhin potentielle Kandidaten für römische Peil-/Signaltürme in der Gegend.

Gruß, Timo

Hallo Timo,

neuzeitliche Schanzen scheiden ziemlich sicher aus, die Ortschroniken geben das nicht her. Es gibt hier Schanzen aus dem Siebenjährigen Krieg auf den Anhöhen, aber die sind leicht zu erkennen. Während der Koalitionskriege gab es keine längeren Aufenthalte größerer Truppenverbände.

Nun hat mir ChatGPT Folgendes gerade ausgespuckt. Auf die Schnelle konnte ich aber keine Quellen dazu finden.

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Wahrscheinliche / diskutierte Kleinanlagen

Lahn-, Main- und Lippe-Gebiet

wiederholt kleinflächige rechteckige Erdwerke

  • oft:

    • nur abschnittsweise erhalten

    • durch Luftbild / LiDAR erkannt

  • Größen teils 1–3 ha

  • Interpretation:

    • Vorposten

    • Brücken- oder Furtsicherung

    • temporäre Rastlager

  • :backhand_index_pointing_right: Viele davon sind noch nicht abschließend publiziert oder bewusst vorsichtig datiert.

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Die scheinbar große Breite der Wälle bleibt natürlich problematisch.

Hieruz wieder ChatGPT:

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Typen nicht-römischer rechteckiger Anlagen (Eisenzeit)

1.

Keltische Viereckschanzen (La-Tène-Zeit)

Der wichtigste Gegenpol zu Römerlagern.

  • Datierung: ca. 150–50 v. Chr.

  • Verbreitung:

    • Süddeutschland (Bayern, Baden-Württemberg)

    • Franken, Schwaben

  • Größe:

    • meist 0,5–2 ha (also genau dein Größenbereich!)
  • Form:

    • sehr regelmäßig rechteckig oder quadratisch
  • Befestigung:

    • Wall + Graben

    • oft ein Tor, manchmal zwei

  • Nutzung:

    • keine Militärlager

    • wahrscheinlich:

      • Herrensitze

      • Kultplätze

      • Wirtschafts- / Speicherareale

:backhand_index_pointing_right: Extrem wichtig:

Viereckschanzen können auf den ersten Blick verblüffend römisch wirken, sind es aber nicht.

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Wie sehr die KI da halluziniert hat, bleibt noch herauszufinden.

Einen schönen Tag

Marco

Hallo Marco,

Aus dem Dreißigjährigen Krieg gibt es ebenfalls solche Anlagen.

Ja. Schau Dir einmal eine eisenzeitliche, spätkeltische Viereckschanze an,

Viereckschanze Leinfelden-Echterdingen – Wikipedia

und dann im Vergleich ein römisches Lager:

Keller-W-1

Der große Unterschied besteht darin, dass römische Marschlager wie auch aufgegebene Standlager in aller Regel nach der Nutzung wieder eingeebnet wurden, um dem Feind kein gemachtes Nest zu hinterlassen. Die Gräben wurden also wieder mit dem Aushub verfüllt, sodass die Anlagen nach nicht allzu langer Zeit oberflächlich kaum noch sichtbar waren.

Und wenn dann jahrhundertelang gepflügt wurde, ist meist nur noch der (verfüllte) verhältnismäßig schmale untere Abschnitt des Spitzgraben erhalten. Nur in seltenen Fällen sind diese Lager im Geländemodell erkennbar, wie etwa beim Marschlager Bielefeld-Sennestadt, das in einem niemals beackerten Waldgebiet liegt und wohl auch nicht sorgsam eingeebnet worden war, vielleicht weil die Zeit drängte.

Marschlager Bielefeld-Sennestadt – Wikipedia

Gruß, Timo

Hallo Timo,

interessant, und es bleibt spannend.

Ich hätte erwähnen können, dass das Gelände erst um 1900 für Ackerbau trockengelegt wurde. Das trifft auf viele Bereiche an der Lahn hier im Gießener Becken zu, denn erst mit Kunstdünger konnten die schlechten Böden landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Hier im speziellen an den Flurnamen noch zu erkennen: Krötenpfuhl, Riedwiese, Aufeld, Auf der Lach.

Viereckschanzen scheinen alle hoch gelegen zu sein, wenn man ChatGPT glaubt, eine Stichprobe hat das bestätigt.

Während Dreißigjährigen Krieges ist hier nicht viel passiert, die Gegend war bitterarm, Gießen längst noch keine große Stadt.

Das Marschlager Bielefeld-Sennestadt wurde ja auch von einem Hobbyforscher entdeckt, fein…

Gruß

Marco

Hochwachten/Signalberge Teil 3

Hallo zusammen,

die aktuelle Arbeitskarte hat kräftigen Zuwachs im Südwesten bekommen, nachdem ich auch in Frankreich nach Bergen mit dem Namen ‘Signal’ gesucht habe.

Das sich ergebende Bild spricht für sich:

Für solch ein länderübergreifendes System hätte es in der Geschichte nur drei Gelegenheiten gegeben, in denen alles im Kartenausschnitt unter einer Zentralmacht vereint gewesen ist: erstens die Römer ab Cäsar, zweitens die Karolinger und drittens Napoleon.

Wäre letzterer der Urheber, sollten wir es eigentlich wissen. Den Karolingern würde ich es zwar zutrauen, das System von den Römern übernommen zu haben, schließlich herrschte in dieser Gegend ein gallo-römisches Kontinuum, aber selber vermessen haben sie das wohl nicht.

Daher ist es wohl am sparsamsten anzunehmen, dass die Römer dahinterstecken, wofür ja auch die beteiligten römischen Gründungen sprechen — darunter Augusta Bagiennorum [1], das in nachantiker Zeit wüst fiel und daher sicher schon die Karolinger nicht mehr interessiert hätte [oder definitiv nicht interessiert hat, denn sonst hätten sie den Ort noch vor dem Verfall bewahren können, wofür es aber keine Anzeichen zu geben scheint].

Gruß, Timo


[1] Die Distanz vom Forum von Augusta Bagiennorum zum Gipfel des Schilthorns beträgt nebenbei 222.11 km — also 2° -0.04%, — da sind sich ArcGIS und GoogleEarth einig.

Hallo Marco,

das ist sogar eher die Regel, als die Ausnahme. Ganz oben steht da der legendäre Luftbildfotograf Otto Braasch, ohne dessen Arbeit die archäologische Karte nicht nur der Römerzeit bedeutend ärmer wäre. Und das Schlachtfeld von Kalkriese wurde vom britischen Major Tony Clunn entdeckt.

Aber auch die zuletzt endeckten Römerlager in Sachsen-Anhalt wurden von ehrenamtlichen Sondengängern gefunden, und erst dann per Luftbild und letztlich durch Grabungen bestätigt.

Falls Du selber aktiv werden möchtest in Deinem Verdachtsfall, würde ich Dir empfehlen, zumindest die Feldränder im relevanten Abschnitt nach Keramikresten, also Scherben, abzusuchen. Das ist ohne spezielle Genehmigung legal, und demnächst ist die beste Jahreszeit dafür, sobald der Schnee einmal abgetaut ist.

Und solltest Du fündig werden, gibt es hier einige Leute im Forum, die mehr dazu sagen könnten.

Im speziellen Fall glaube ich zwar nicht daran, wünsche aber dennoch viel Glück!

Gruß, Timo

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Hallo Timo,

ich habe bereits vorhin die Stelle mit meinem Hund besucht und nach Rotem Ausschau gehalten. Leider keine Terra Sigilata dabei. Ich hatte zwar noch keine in der Hand, traue mir aber zu, sie erkennen zu können. Was ich gefunden habe ist wohl alles neuzeitlich, lediglich eine Scherbe aus unbekannter Keramik, die könnte von einem Teller sein.

Damit ist das Thema wohl erstmal erschöpft, nur noch mal schauen, ob ich etwas über die angeblichen anderen Kleinlager rausbekomme.

Solche Geschichten, wo der Underdog am Ende triumphiert, liebe ich natürlich. Den Sachsen-Anhalt Thread im Geschichtsforum werde ich mir gewiss noch vorknöpfen.

Gruß

Marco

Hallo Marco,

es wäre aber schon besser, dafür ein eigenes Thema aufzumachen!

Gruß, Timo

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und drittens Napoleon. Wäre letzterer der Urheber, sollten wir es eigentlich wissen.

Hier das, was die Google KI zum Thema weiss (oder phantasiert?):

Frage: signal de lure du mont du chat signal des beguines was ist da gemeinsam?

Signal de Lure, das Signal du Mont du Chat und das Signal des Béguines haben gemeinsam, dass sie jeweils die höchsten Gipfelpunkte ihrer jeweiligen Gebirgszüge oder Bergmassive in Frankreich sind.

Hier sind die Details zu den Gemeinsamkeiten:

  • Höchste Erhebungen: Alle drei Bezeichnungen markieren den Kulminationspunkt (Gipfel) eines Massivs:
    • Signal de Lure (1.826 m): Höchster Punkt der Montagne de Lure in der Provence.
    • Signal du Mont du Chat (1.504 m): Höchster Punkt des Mont du Chat im Jura-Gebirge (nahe Chambéry).
    • Signal des Béguines (1.148 m): Höchster Punkt des Sainte-Baume-Massivs in der Provence.
  • Sendeanlagen: Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist, dass sich auf diesen markanten Aussichtspunkten oft weithin sichtbare Sende- oder Funkanlagenbefinden, was auch den Namensbestandteil „Signal“ (historisch für Signalstationen oder trigonometrische Punkte) erklärt.
  • Panoramablick: Aufgrund ihrer exponierten Lage bieten alle drei Gipfel einen umfassenden 360°-Rundumblick über die umliegenden Regionen, von den Alpen bis zum Mittelmeer oder dem Jura.

Frage: wann wurden dort und von wem Signalstationen gebaut?

Die Bezeichnung „Signal“ auf diesen Gipfeln geht historisch primär auf die
geodätische Vermessung Frankreichs zurück, während die heutigen Sendeanlagen modernere Ursprünge haben.

Historische Signalstationen (18. & 19. Jahrhundert)

Die ersten „Signalstationen“ waren keine Gebäude im modernen Sinne, sondern trigonometrische Messpunkte.

  • Wann: Die systematische Erfassung begann im späten 18. Jahrhundert (unter der Familie Cassini) und wurde im 19. Jahrhundert durch die Offiziere des Generalstabs(Ingénieurs-géographes) für die Erstellung der Carte de l’État-Major intensiviert.
  • Wer: Die Vermessungsingenieure errichteten hölzerne Gerüste oder Steinkegel (Signale), um Visierlinien zu anderen Gipfeln herzustellen.
  • Telegrafie: Am Signal de Lure und anderen exponierten Punkten wurden zudem im frühen 19. Jahrhundert Stationen für den optischen Telegrafen nach Claude Chappegeprüft oder genutzt, um militärische Nachrichten schnell über weite Distanzen zu übermitteln.

Moderne Sendeanlagen (20. Jahrhundert)

Die heute sichtbaren Türme und Masten wurden für den Rundfunk und Mobilfunk errichtet:

  • Signal du Mont du Chat: Hier wurde 1974 ein markanter Fernsehturm (émetteur du Mont du Chat) von der damaligen TDF (Télédiffusion de France) errichtet. Er dient der Versorgung der Region Savoyen und ist einer der leistungsstärksten Sender der Region.
  • Signal de Lure: Die heutige Sendeanlage stammt ebenfalls aus der Mitte des 20. Jahrhunderts (Ausbau der Infrastruktur nach dem Zweiten Weltkrieg), um die Provence funktechnisch zu erschließen.
  • Signal des Béguines: Dieser Punkt dient heute vor allem als ziviler und militärischer Funkstandort (Relaisstation), oft betrieben von Behörden oder Telekommunikationsanbietern wie Orange (ehemals France Télécom).

Zusammenfassend: Die Namen stammen von den Kartografen des 18./19. Jahrhunderts, während die Bauwerke meist von staatlichen Institutionen wie der TDF im 20. Jahrhundert für moderne Kommunikation gebaut wurden.

KI-Antworten können Fehler enthalten

Leider also keine eindeutige Bestätigung Deiner Überlegungen. Demnach können die Namen (und Bezeichung Signal) durchaus aus der Neuzeit stammen, auch wenn wir beide das nicht selbst wissen…

Und die überraschend ähnlichen Koordinaten sind vielleicht doch noch das Geburtstagsparadoxon (Logik dahinter: wenn alle hohen Berge mit Super-Aussicht “Signal” oder “Hochwacht” oder ähnlich genannt werden, aber an geologisch zufälligen Stellen liegen, dann kann die Namensgebung nicht auf Vermessung anhand von Koordinaten beruhen - und trotzdem findet man Übereinstimmungen *).

Sorry, wenn ich immer wieder Zweifel einwerfe, aber sie sind so naheliegend.

*) unter den ehemaligen Kollegen meiner Frau (ein Team mit ca. 100 Leuten) haben sogar 4 heute Geburtstag. Wie hoch hättest Du die Wahrscheinlichkeit dafür eingeschätzt?